Adaptricity, ein Werkzeug zur Verteilnetzplanung aus einem ETH-Zürich-Spin-off, hat seit August 2022 keine sichtbare Produktarbeit mehr bekommen. Fast vier Jahre. Die Domain lädt, die Jahreslizenz kostet weiter, ein Vertriebsgespräch bekommst du auch heute noch. Nur abgeschaltet wurde das Produkt nie, und niemand hat es dir gesagt. Genau das ist die teuerste Art, wie ein KI-Tool verschwindet.
In unserem Verzeichnis stehen 1.677 KI-Tools. 55 davon haben wir ins Archiv verschoben, jeden Eintrag mit Grund und Datum. Das ist unser gepflegtes Ledger, keine Hochrechnung. Adaptricity steht nicht darin. Es trägt bei uns weiter den Status live, nur mit einer Zombie-Markierung, und es ist eine von fünf. Die 55 im Archiv sind die gute Nachricht dieses Textes, laut KI-Syndikats eigenem Tool-Index (Stand Juli 2026). Die fünf, die noch atmen, sind die schlechte.
Das Archiv, ehrlich zerlegt
Bevor die fünf Zombies dran sind, verdienen die 55 Beerdigten eine ehrliche Zerlegung, sonst klingt die Zahl größer, als sie ist. 18 der 55 waren gar kein Geschäfts-Tod. Es sind Scope-Bereinigungen, also Einträge, die in einem kuratierten Verzeichnis für den Mittelstand von Anfang an nichts verloren hatten. SAP S/4HANA ist Konzern-ERP, kein KMU-Tool. scikit-learn, TensorFlow, PyTorch: allesamt Entwickler-Bibliotheken, keine fertigen Produkte. Ein paar Einträge waren schlicht doppelte Slugs. Solche Löschungen sagen nichts über den Markt, nur etwas über unsere eigene Katalogpflege.
Bleiben 37 echte Ereignisse aus dem Lebenszyklus eines Produkts. Sie verteilen sich so:
- 14 Übernahmen, bei denen die Marke im Käufer aufging
- 15 Domains, die offline gingen oder zum Verkauf stehen
- 3 Insolvenzen
- 3 planmäßige Abschaltungen zum End of Life
- 2 reine Umbenennungen
Wie echt und wie leicht unordentlich dieses Ledger ist, zeigt ein Grenzfall. SiGREEN steht bei uns im Scope-Block, einsortiert wie eine Aufräum-Löschung. In Wahrheit ist es eine Umbenennung: SiGREEN wurde im Juni 2026 zu MatterMaps. Der Eintrag ist also falsch abgelegt, ein Handpflege-Fehler, kein generierter. Genau solche kleinen Unsauberkeiten unterscheiden ein reales, von Hand geführtes Verzeichnis von einer runden Marketing-Zahl.
Wer die volle Liste sehen will, findet sie in unserem Archiv verschwundener Tools. Dieselbe Vollbestands-Logik liegt auch unseren anderen Auswertungen zugrunde: dass nur 53 von 1.677 Tools wirklich kostenlos sind, dass US-Tools nur zu 17 Prozent Deutsch sprechen und dass gut jedes vierte Tool keine KI im Kern hat.
Die fünf Zombie-Tools, für die keine Nachricht kommt
Ein beerdigtes Tool ist ehrlich: Es ist weg, du merkst es, du migrierst. Ein Zombie ist das Gegenteil. Er läuft technisch weiter, rechnet brav ab und tut so, als wäre jemand zu Hause. Fünf Einträge in unserem Verzeichnis tragen deshalb den Status live und trotzdem eine Zombie-Markierung.
Adaptricity kennst du schon. Im November 2021 von der indischen Secure Meters übernommen, firmiert seither als Secure Switzerland AG, öffentliche Aktivität seit August 2022 eingeschlafen. Fast vier Jahre stiller Betrieb bei laufender Lizenz.
GE Digital Predix ist seit der GE-Aufspaltung 2024 als eigenständige Plattform-Marke verblasst. Die Funktionen leben in den Suiten APM und Proficy weiter, aber Predix selbst ist strategisch heimatlos geworden, ohne dass es je abgekündigt wurde.
Zyler, eine virtuelle Anprobe für Mode, hat der Betreiber Anthropics Technology 2025/26 zugunsten des Consumer-Brautmoden-Produkts Bridely aufgegeben. Sowohl zyler.com als auch business.zyler.com leiten heute dorthin um. Das B2B-Produkt ist faktisch eingestellt, ohne dass irgendwo „eingestellt“ steht.
Neptune.ai ist der frischeste Fall. OpenAI übernahm den polnischen MLOps-Anbieter im Mai 2026. Die Pricing-Seite ist seither offline und leitet auf die OpenAI-Ankündigung um, eine Produktstrategie hat OpenAI nicht kommuniziert. Bestandskunden dürfen weiter Experimente tracken, in ein Vakuum hinein.
Am deutlichsten wird das Muster bei Genei, einem britischen KI-Summarizer aus dem Y-Combinator-Jahrgang Sommer 2021. Im Juni 2026 wirbt der Pro-Tarif für 29,99 GBP im Monat immer noch mit „GPT-3 Rephrase“, einem Modell, das da schon vier Generationen alt ist. Im Footer steht „© genei 2021“. Das Gründerteam ist längst zum Schwesterprodukt CoLoop abgewandert, das nach eigenen Angaben über 400 Forschungsteams bedient. Und die Stripe-Abrechnung? Läuft. Du kannst heute für ein Produkt bezahlen, das seit vier Jahren niemand mehr anfasst, und nichts an der Kasse sagt dir das.
Aus genau diesen Signalen wird eine Erkennungs-Regel, die ich hier die Zombie-Triade nenne. Drei Dinge treffen zusammen:
- Die Abrechnung lebt. Stripe oder die Jahreslizenz laufen ungestört weiter.
- Das Feature-Set ist eingefroren. Der Changelog ist alt, das Copyright im Footer steht auf einem längst vergangenen Jahr, die Marketing-Seite bewirbt veraltete Modelle.
- Das Team ist weg. Die Gründer arbeiten sichtbar an einem Schwesterprodukt.
Trifft alles drei zusammen, ist das Tool ein Zombie, egal was auf der Landingpage steht. Genei erfüllt jeden einzelnen Punkt.
Warum Zombies schneller entstehen als saubere Abschaltungen
Man könnte Zombies für seltene Unfälle halten. Das Gegenteil stimmt: Der Markt produziert sie strukturell, und zwar schneller als saubere Abschaltungen. Der Grund heißt Übernahme. Laut dem CB Insights State of AI 2025 wurden im Jahr 2025 genau 782 private KI-Unternehmen übernommen, mehr als das Anderthalbfache des Vorjahres. Jede dieser Übernahmen ist ein Kandidat für einen Zombie: Das Produkt läuft weiter, während die neue Konzernmutter erst einmal schweigt, so wie bei Neptune.ai gerade.
Die saubere Variante gibt es auch, und sie sieht ganz anders aus. Sie kommt mit Kalender. DALL-E 3 wurde am 12. Mai 2026 abgeschaltet, angekündigt schon am 14. November 2025. Amazons Lookout for Equipment nimmt seit Oktober 2025 keine neuen Kunden mehr und endet am 7. Oktober 2026. Opsgenie von Atlassian macht am 5. April 2027 zu. OpenAI hat zum 1. Dezember 2026 gleich mehrere Bildmodelle zugunsten von gpt-image-2 abgekündigt. Diese Termine stehen bei uns im Archiv, jeder mit Anbieter-Ankündigung hinterlegt. Es sind planbare Tode, jeder mit Datum, jeder mit Vorlauf.
Die unangenehme Asymmetrie steckt genau hier: Für die saubere Sorte bekommst du eine E-Mail. Für den Zombie nie. Und weil Übernahmen sich häufen, wächst die stille Sorte schneller als die laute.
Der stärkste Einwand: Ankündigungen geben dir Monate Vorlauf
Der beste Einwand gegen einen Exit-Plan ist gut begründet, und ich nehme ihn ernst. Er lautet: Angekündigte Abschaltungen geben dir üppig Vorlauf. Opsgenie ließ zwischen dem Neuanmeldestopp am 4. Juni 2025 und dem End of Support am 5. April 2027 rund 22 Monate. Amazon gibt für Lookout for Equipment zwölf Monate, DALL-E 3 hatte ein halbes Jahr. Atlassian beziffert die Migration von Opsgenie zu Jira Service Management laut Atlassians offizieller Opsgenie-Migrationsseite auf 4 bis 8 Wochen im einfachen und 8 bis 16 Wochen im komplexen Fall. Wer so viel Zeit hat, braucht keinen vorab geschriebenen Exit-Plan, sondern reagiert einfach, wenn die Mail kommt.
Der Einwand stimmt, aber nur für die angekündigte Sorte. Und genau da ist der Haken. Ein Zombie hat konstruktionsbedingt kein Abschaltdatum und keine Ankündigung. Adaptricity schweigt seit vier Jahren, Genei hat nie ein Wort verloren. Es gibt keine Mail, auf die du warten könntest. Wer seinen Exit-Plan an eine Benachrichtigung koppelt, migriert bei einem Zombie per Definition zu spät. Es passiert erst, wenn das Produkt eines Tages doch ohne Vorwarnung ausgeht, und dann ohne jede Verhandlungsmacht.
Selbst die angekündigte Sorte ist übrigens keine Garantie. Als die Learnship Networks GmbH am 1. Dezember 2025 Insolvenz anmeldete, übernahm goFLUENT noch am selben Tag ausdrücklich nur die Assets der deutschen Gesellschaft, laut goFLUENTs Pressemitteilung vom Dezember 2025. Kunden der rechtlich getrennten Learnship-Firmen in den USA, Japan, Frankreich, Mexiko, Brasilien und Korea gingen leer aus. Ein Ereignis mit Datum, sauber kommuniziert, und trotzdem standen ganze Länder ohne Anbieter da. Vorlauf schützt nur den, der ihn nutzt.
Dein Exit-Playbook gegen den leisen Tod
Aus alldem folgt kein Misstrauen gegen KI-Tools, sondern eine Betriebsregel. Drei Schritte, und der erste ist der wichtigste, weil du ihn nur einmal hast.
Erstens: Die Datenexport-Klausel gehört in den Vertrag, bevor du unterschreibst. Nicht die Frage „Kann ich exportieren?“, sondern „In welchem Format, wie vollständig, und wie lange nach Kündigung noch?“. Bei Opsgenie löscht Atlassian die Daten nach dem End of Support. Wer den Export erst dann klärt, klärt ihn zu spät.
Zweitens: Beziffere die Wechselkosten ehrlich, und zwar nicht über den Lizenzpreis. Der ist selten das Problem. Teuer sind der neu zu bauende Workflow, die Personenstunden fürs Umlernen, das Umformatieren der Daten und die Integrationen, die neu verdrahtet werden müssen. Atlassian budgetiert für den Opsgenie-Umzug Wochen, nicht den Lizenzbetrag, und das ist die ehrliche Währung. Wie schnell solche versteckten Kosten zur Last werden, haben wir unter dem Stichwort KI-Schulden durchgerechnet, und wie sehr ein Framework die Integrationskosten aufbläht, zeigt der Vergleich von LangChain gegen direkte API-Aufrufe.
Drittens: Prüfe vor jeder Verlängerung die Zombie-Triade. Läuft nur noch die Abrechnung, während das Produkt selbst eingefroren wirkt und das Gründerteam sichtbar an etwas anderem baut? Dann verlängerst du einen Zombie. Das ist der Moment, in dem der Exit-Plan aus der Schublade kommt, freiwillig und mit Zeit, statt später unter Druck.
Was du konkret tust
Beerdigte Tools kosten dich einen Umzug. Zombies kosten dich Jahre, in denen du ein totes Produkt fütterst und es nicht merkst. Der Unterschied ist nicht die Technik, sondern die Ankündigung, die beim Zombie nie kommt.
Schreib die Datenexport-Frage in den nächsten Vertrag, bevor du unterschreibst, nicht danach. Beziffere einmal ehrlich, was ein Wechsel deines wichtigsten KI-Tools wirklich kostet, in Personenstunden und Integrationen statt in Lizenzgebühr, denn diese Zahl ist deine echte Abhängigkeit. Und bevor du das nächste Abo verlängerst, halt kurz inne und prüf die drei Zombie-Signale. Läuft nur noch die Abrechnung? Dann zahlst du an eine Adresse, hinter der niemand mehr wohnt.