Barrierefreiheit mit KI in der Verwaltungskommunikation
KI wandelt komplexe Verwaltungssprache in verständliche, barrierefreie Texte um — für Leichte Sprache, einfache Sprache und digitale Barrierefreiheit.
- Problem
- Amtsdeutsch ist notorisch schwer verständlich — viele Bürger, besonders ältere Menschen oder Menschen mit Lernschwierigkeiten, verstehen Bescheide und Formulare nicht.
- KI-Lösung
- Generative Large-Language-Models (LLM) übersetzen Verwaltungstexte regelwerkgesteuert in Leichte Sprache oder einfache Sprache, analysieren digitale Inhalte per Lesbarkeitsmetrik auf WCAG-Konformität und unterstützen bei der barrierefreien Gestaltung.
- Typischer Nutzen
- Leichte-Sprache-Erstellung sinkt von 150–300 € auf unter 20 € pro Normseite, Rückrufvolumen durch unverstandene Bescheide geht messbar zurück und die BITV-Compliance-Lücke schließt sich skalierbar.
- Setup-Zeit
- Pilot in 4–8 Wochen möglich
- Kosteneinschätzung
- 3.000–8.000 € Einrichtung, 200–500 €/Monat laufend
Es ist Montag, 10:15 Uhr. Klaus Hentschel, 72 Jahre alt, ehemaliger Maurer, sitzt am Küchentisch. Vor ihm liegt ein Schreiben vom Sozialamt, vier Seiten. Er hat es dreimal gelesen.
Er versteht, dass es um seine Grundsicherung geht. Er versteht nicht, ob er Geld bekommt oder nicht. Der entscheidende Satz lautet: „Der Leistungsanspruch gemäß § 41 SGB XII bestimmt sich nach den anrechenbaren Bedarfen abzüglich des einzusetzenden Einkommens und Vermögens im Rahmen der Bedarfsprüfung nach § 43 SGB XII.” Klaus liest ihn ein viertes Mal.
Er ruft seinen Sohn an, der in München lebt. Der sagt, er soll bei der Behörde anrufen. Klaus legt auf, sucht die Telefonnummer auf dem Brief, wählt. Die Ansage sagt: „Ihre Wartezeit beträgt voraussichtlich 20 Minuten.” Er legt das Telefon auf den Tisch und wartet.
Ob er Geld bekommt oder nicht — das weiß er immer noch nicht.
Das echte Ausmaß des Problems
Laut dem Institut für Deutsche Sprache (2023) verstehen rund 12,4 Millionen Erwachsene in Deutschland Texte auf einem Niveau, das dem Leseverständnis der Mittelschule entspricht oder darunter liegt. Das sind nicht nur Menschen mit Lernschwierigkeiten — das sind ältere Menschen, Menschen mit geringer formaler Bildung, Menschen mit Deutsch als Zweitsprache und Menschen in kognitiv belastenden Lebenssituationen.
Für diese Menschen ist Verwaltungskommunikation de facto unzugänglich — nicht rechtlich, aber praktisch. Das hat direkte Folgen: Bescheide werden nicht beachtet, Fristen werden versäumt, Widersprüche werden nicht eingelegt, Leistungsansprüche bleiben ungenutzt. Die Bundesregierung schätzt, dass jährlich mehrere Milliarden Euro an Sozialleistungen nicht abgerufen werden — zu einem erheblichen Teil wegen mangelnder Zugänglichkeit der Kommunikation.
Gleichzeitig gibt es gesetzliche Verpflichtungen: Das Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) und die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV 2.0) schreiben öffentlichen Stellen vor, ihre Kommunikation barrierefrei zu gestalten. Die EU-Richtlinie 2016/2102, in Deutschland als BFSGV umgesetzt, verschärft die Anforderungen an digitale Formulare und Bescheide ab 2025. Die Umsetzung in den meisten Behörden: lückenhaft. Nicht aus fehlendem Willen, sondern weil professionelle Leichte-Sprache-Übersetzung teuer ist — zwischen 150 und 300 Euro pro Normseite bei zertifizierten Übersetzerinnen.
Mit vs. ohne KI — ein ehrlicher Vergleich
| Aspekt | Ohne KI | Mit KI |
|---|---|---|
| Leichte-Sprache-Erstellung | 150–300 €/Normseite extern | 5–20 €/Seite inkl. Prüfaufwand |
| Zeitaufwand je Dokument | 2–4 Std. (extern vergeben) | 30–60 Min. (KI-Entwurf + Prüfung) |
| Anzahl barrierefrei zugänglicher Dokumente | Wenige Ausnahmen | Skalierbar auf gesamtes Dokumentenportfolio |
| Rückfragen bei Sachbearbeitung | Häufig (Bescheid nicht verstanden) | Seltener (Zusatzdokument klärt Inhalt) |
| BITV/BGG-Konformitätsrisiko | Hoch bei wachsender Pflichtenlage | Reduziert — nicht eliminiert |
| Qualität der vereinfachten Version | Professionell (wenn zertifiziert) | Gut, aber Prüfpflicht bleibt |
Einschätzung auf einen Blick
Zeitersparnis — gering (1/5) Barrierefreie Kommunikation spart Sachbearbeitenden keine direkte Arbeitszeit — im Gegenteil, es entsteht ein neuer Prozessschritt (Vereinfachung erstellen und freigeben). Der indirekte Zeitgewinn durch weniger Rückruf-Volumen ist real, aber schwer zu messen und dauert Monate. Im Vergleich zu Bescheidgenerierung oder Protokollierung ist der direkte Zeiteffekt am niedrigsten in dieser Kategorie.
Kosteneinsparung — begrenzt (2/5) KI senkt die Kosten für externe Leichte-Sprache-Übersetzungen erheblich — von 200 €/Seite auf unter 20 €. Das klingt nach viel, ist aber in absoluten Zahlen bescheiden, weil die meisten Behörden bisher wenig übersetzen lassen. Der Hauptnutzen ist compliance-getrieben, nicht kostensparend. Andere Anwendungsfälle in dieser Kategorie haben deutlich klarere Kosteneffekte.
Schnelle Umsetzung — gut (4/5) Das ist eine der wenigen Einsatzmöglichkeiten, die in wenigen Wochen in Betrieb gehen können. Kein On-Premise-Einsatz, keine komplexe Datenbankintegration, keine Modellentwicklung. Ein Prompt-Regelwerk für Leichte Sprache, ein LLM mit AVV und ein Prüfprozess — fertig. Für einen Piloten mit 5–10 häufig genutzten Dokumenttypen reicht ein Monat.
ROI-Sicherheit — niedrig (1/5) Das ist der ehrlichste Score in dieser Übersicht. Barrierefreiheit ist eine rechtliche Pflicht und eine gesellschaftliche Leistung — aber kein direkt messbarer Return on Investment. Weniger Rückruf-Volumen ist real, aber nicht isoliert nachweisbar. Behörden, die diese Investition mit Kostenrechnung begründen müssen, werden es schwer haben. Es ist die richtige Investition — aber eben keine, die sich mit Zahlen einfach verkaufen lässt.
Skalierbarkeit — hoch (4/5) Einmal eingerichtet, skaliert das System linear mit der Anzahl der Dokumente — ohne Mehraufwand pro Dokument. Ein Bescheidtyp oder hundert: die Infrastruktur bleibt gleich. Das macht Barrierefreiheit über KI besonders attraktiv für Behörden mit großem Dokumentenportfolio.
Richtwerte — stark abhängig von Behördengröße, Dokumentenvolumen und Datenschutzanforderungen.
Was die KI-gestützte Vereinfachung konkret macht
Generative KI übernimmt in diesem Anwendungsfall vier Aufgaben:
1. Lesbarkeitsanalyse: Das System analysiert bestehende Verwaltungstexte nach Lesbarkeitsmetriken — Flesch-Reading-Ease (deutsch adaptiert), durchschnittliche Satzlänge, Passivanteil, Fremdwortdichte, Schachtelkonstruktionen. Ergebnis: ein Lesbarkeits-Dashboard, das zeigt, welche Dokumente am dringendsten vereinfacht werden sollten.
2. Entwurf vereinfachter Versionen: Auf Basis der Analyse erstellt KI automatisch eine vereinfachte Version in einfacher Sprache (B1/B2) oder Leichter Sprache (A2/B1). Die vereinfachte Version erklärt, was das Dokument bedeutet und was der Bürger tun soll — das Original bleibt der rechtsverbindliche Text.
3. Konsistenzprüfung: Wenn eine Behörde viele Dokumente vereinfacht, sorgt das KI-System dafür, dass Schlüsselbegriffe konsistent übersetzt werden. „Leistungsanspruch” wird in jedem Dokument gleich erklärt — nicht mal als „Geldanspruch” und mal als „Recht auf Unterstützung”.
4. Integration in Veröffentlichungsprozesse: Wenn ein neues Dokument veröffentlicht wird — ein neuer Bescheidtyp, ein neues Formular, ein Website-Text — wird automatisch eine vereinfachte Version als Entwurf erstellt. Das ist kein manueller Zusatzschritt, sondern Teil des bestehenden Content-Workflows.
Was KI nicht erledigt: die formale Prüfung durch ausgebildete Prüferinnen und Prüfer. Für Dokumente mit dem offiziellen Leichte-Sprache-Siegel des Netzwerks Leichte Sprache ist diese Prüfung Pflicht — idealerweise mit Prüfpersonen, die selbst eine Lernschwierigkeit haben.
Konkrete Werkzeuge — was wann passt
Claude — besonders stark bei der Einhaltung konsistenter Stilvorgaben über viele Dokumente hinweg. Kann mit einem detaillierten Regelwerk für Leichte Sprache instruiert werden und hält dieses auch bei langen Texten durch. API mit EU-Hosting und DSGVO-konformem AVV verfügbar. Ab ca. 3 Dollar pro 1 Million Tokens.
ChatGPT — sehr gut geeignet für die Erstellung vereinfachter Sprachversionen. GPT-4o kann auf explizite Anforderung in Leichter Sprache oder einfacher Sprache schreiben, wenn die Regeln als Systemanweisung mitgegeben werden. Für Produktiveinsatz: Enterprise-Vertrag mit EU-Hosting und AVV erforderlich.
govdigital — für Kommunen, die eine souveräne Lösung ohne US-Cloud benötigen. Kann Vereinfachungs-Workflows auf europäischer Infrastruktur betreiben, ggf. mit lokal betriebenen Sprachmodellen. Preise projektspezifisch.
Microsoft 365 Copilot — für Behörden in der Microsoft-Umgebung: Word-Copilot kann auf Anfrage Texte vereinfachen und umformulieren. Für einen ersten manuellen Prozess ohne Vollautomation ein schneller Einstieg. M365 E3 + Copilot ab ca. 66 Euro/Nutzer/Monat.
DeepL — ergänzend für die Qualitätssicherung: DeepL Write prüft Texte auf Stilkonsistenz und hilft bei der Vereinfachung von Satzstrukturen. DeepL ist ein deutsches Unternehmen mit EU-Hosting. Pro ab 25 Euro/Monat.
NotebookLM — für Teams, die Verwaltungstexte interaktiv vereinfachen wollen: Dokument hochladen, KI erklärt Abschnitte auf Nachfrage und formuliert verständliche Versionen. Kein automatischer Workflow, aber für manuelle Vereinfachungsarbeit nützlich. Kostenlos in der Basisversion.
Datenschutz und Datenhaltung
Leichte-Sprache-Vereinfachung ist datenschutzrechtlich unkritisch — solange keine personenbezogenen Daten übermittelt werden. Das ist der entscheidende Grundsatz.
Die Vereinfachung funktioniert auf Dokumentvorlagen, nicht auf individualisierten Bescheiden. Du sendest an das KI-System nicht: „Herr Hentschel, geboren am 12.03.1951, erhält 450 Euro monatlich.” Du sendest: „Folgender Bescheidtyp soll vereinfacht werden: [Standardtext ohne Personendaten].”
Für den Workflow gilt daher:
- Schritt 1: Personendaten aus Vorlage entfernen (oder von Anfang an mit Vorlagen arbeiten, nicht mit konkreten Bescheiden)
- Schritt 2: Anonymisierte Vorlage an KI senden
- Schritt 3: Vereinfachte Version in Dokumentenmanagementsystem einstellen
- Schritt 4: Bei individuellem Bescheid wird die vereinfachte Vorlage personalisiert — das passiert lokal, nicht über das KI-System
Wenn personalisierte Volltext-Bescheide vereinfacht werden sollen, gilt: AVV mit dem KI-Anbieter erforderlich, EU-Hosting notwendig, Datenschutzfolgenabschätzung empfehlenswert. In diesem Fall sind govdigital oder on-premise-Lösungen die sicherste Wahl.
Der EU AI Act stuft diesen Anwendungsfall als niedrig-risikoreich ein — reine Textverarbeitung ohne Entscheidungsautomatisierung über Einzelpersonen. Transparenzpflichten nach Art. 50 EU AI Act gelten nur, wenn Bürger in Echtzeit mit einem KI-System interagieren (Chatbot). Bei asynchroner Dokumentenverarbeitung gibt es keine vergleichbare Pflicht.
Was es kostet — realistisch gerechnet
Einstieg (häufige Dokumenttypen, halbautomatisch)
- Konfiguration und Regelwerk für vereinfachte Sprache: 3.000–8.000 Euro (einmalig)
- Laufende Kosten: 200–500 Euro/Monat
- Zeithorizont: 4–8 Wochen bis zum Pilot
Skaliert (automatisierter Workflow, behördenweite Barrierefreiheit)
- Gesamtinvestition inkl. Integration: 15.000–50.000 Euro
- Laufende Betriebskosten: 3.000–8.000 Euro/Jahr
ROI-Beispiel: Professionelle Leichte-Sprache-Übersetzung kostet 200 Euro/Normseite. Eine Kommunalverwaltung mit 50 häufig genutzten Dokumenttypen (je durchschnittlich 4 Seiten = 200 Seiten) würde bei vollständiger manueller Übersetzung 40.000 Euro einmalig ausgeben — ohne Aktualisierungskosten. Mit KI sinkt der Initialaufwand auf 8.000–15.000 Euro (KI-Entwürfe + Prüfung). Aktualisierungen kosten einen Bruchteil.
Das wichtigere Argument ist das Compliance-Risiko: Behörden, die ihrer BITV-Pflicht nicht nachkommen, riskieren Beschwerden bei der zuständigen Aufsichtsbehörde, politischen Druck und — bei Klage — gerichtliche Verpflichtungen. Mehrere Kommunen wurden bereits durch Beschwerden zur Nachrüstung verpflichtet.
Typische Einstiegsfehler
1. KI-Entwürfe ohne Prüfung veröffentlichen GPT-4o und Claude können gute Leichte-Sprache-Entwürfe erstellen — aber keine zertifizierten. Leichte-Sprache-Texte, die das offizielle Siegel tragen sollen, müssen von ausgebildeten Prüfpersonen (idealerweise mit eigener Lernschwierigkeit) freigegeben werden. Wer KI-Entwürfe ungeprüft veröffentlicht, riskiert sprachliche Fehler, die genau die Gruppe, für die das Dokument gedacht ist, noch mehr verwirren.
2. Personenbezogene Daten an das KI-System senden Der größte Datenschutzfehler: einen echten Bescheid (mit Name, Adresse, Fallnummer, Leistungsbetrag) in ChatGPT eingeben. Ohne AVV ist das ein DSGVO-Verstoß. Der korrekte Weg: Vereinfachung auf Basis von Vorlagen, nicht auf Basis individueller Bescheide.
3. Nur die schwierigsten Dokumente vereinfachen Viele Behörden starten mit dem komplexesten Bescheidtyp — weil der am meisten Beschwerden erzeugt. Das führt dazu, dass nach monatelanger Arbeit ein einziges Dokument vereinfacht ist. Besser: mit häufig genutzten, kürzeren Dokumenten starten, Prozess etablieren, dann skalieren.
4. Einfache Sprache und Leichte Sprache verwechseln Einfache Sprache (B1/B2) ist nicht dasselbe wie Leichte Sprache (A2/B1). Leichte Sprache folgt formalen Regeln des Netzwerks Leichte Sprache — kurze Sätze, aktive Formulierungen, ein Gedanke pro Satz, erklärende Bilder. Wer einfache Sprache als Leichte Sprache ausgibt, hat zwar einen besseren Text, aber keinen rechtskonformen im Sinne der BITV.
5. Keinen Wartungsprozess einrichten Gesetze ändern sich. Leistungsvoraussetzungen ändern sich. Vereinfachte Texte, die auf veralteten Bescheidtypen basieren, sind schlimmer als gar keine vereinfachten Texte — weil sie falsche Informationen verständlich machen. Wer vereinfachte Versionen erstellt, braucht einen Prozess, der sicherstellt, dass sie bei Änderungen der zugrunde liegenden Dokumente aktualisiert werden. Das bedeutet: Versionierung, Zuständigkeiten, und ein Auslösemechanismus für Prüfungen.
Was mit der Einführung wirklich passiert — und was nicht
Die typische Einführungserfahrung: Am Anfang ist die Begeisterung im Sachbearbeitungsbereich groß — „endlich können wir Bürger wirklich verstehen”. Dann kommt die erste Ernüchterung: KI-Entwürfe sind gut, aber nicht perfekt. Sätze, die nach Leichte-Sprache-Regeln korrekt sind, klingen für Verwaltungsfachleute manchmal zu simpel. Es entsteht eine Diskussion, ob die vereinfachte Version die richtige Botschaft trägt.
Das ist normal — und es löst sich. Aber es braucht eine klare Entscheidung: Wer hat das letzte Wort — der Jurist, der prüft ob der rechtliche Inhalt vollständig ist, oder die Leichte-Sprache-Prüferin, die beurteilt ob der Text verständlich ist? Beide haben Recht. Beide können Recht haben, ohne dass sie sich widersprechen — denn vereinfachte Versionen sind Ergänzungen, keine Ersetzungen. Solange dieser Grundsatz institutionell verankert ist, verschwindet der Konflikt.
Typische Widerstandsmuster:
- „Das ist nicht mehr unser Schreibstil” — stimmt. Leichte Sprache soll kein Verwaltungsstil sein.
- „Woher wissen wir, dass die KI-Version korrekt ist?” — durch Prüfung. Das ist der Job.
- „Das ist mehr Arbeit, nicht weniger” — kurzfristig stimmt das. Langfristig spart die vereinfachte Version Rückrufvolumen.
Was hilft: Pilotprojekt mit einem konkreten Bescheidtyp, der bekanntermaßen viele Rückrufe erzeugt. Wenn die Rückrufzahl nach 3 Monaten messbar sinkt, ist die interne Diskussion beendet.
Realistischer Zeitplan mit Risikohinweisen
| Phase | Dauer | Was passiert | Typisches Risiko |
|---|---|---|---|
| Bestandsaufnahme und Priorisierung | Woche 1–3 | Vorhandene Dokumente auf Lesbarkeit analysieren, Prioritäten setzen | Zu viele Dokumente auf einmal — Überblick geht verloren |
| Regelwerk und Tool-Konfiguration | Woche 2–5 | Leichte-Sprache-Regeln als KI-Anweisung formulieren, Tool auswählen, AVV abschließen | Regelwerk zu vage — KI-Ergebnisse inkonsistent |
| Pilotübersetzung mit Prüfschleife | Woche 4–9 | Erste Dokumente vereinfachen, durch Prüferinnen gegenlesen lassen | Prüfpartner schwer zu finden oder teuer |
| Integration in Veröffentlichungsprozess | Woche 8–14 | Vereinfachungs-Workflow in Redaktionsprozess einbauen, Zuständigkeiten klären | Prozess wird nicht gelebt — keine klare Verantwortlichkeit |
| Routinebetrieb und Qualitätssicherung | Ab Monat 4 | Neue Dokumente automatisch vereinfachen, Qualität regelmäßig prüfen | Wartungsprozess fällt weg — vereinfachte Texte veralten und enthalten falsche Infos |
Häufige Einwände
„Leichte Sprache verändert den rechtlichen Inhalt von Bescheiden.” Das ist ein Missverständnis über den Einsatzzweck. Leichte-Sprache-Versionen sind keine Ersatzversionen für rechtlich bindende Texte, sondern Ergänzungen. Der Bescheid im Original bleibt unverändert. Die Leichte-Sprache-Version ist ein separates Informationsdokument, das erklärt, was der Bescheid bedeutet. Behörden wie das Bundesministerium für Arbeit und Soziales setzen das erfolgreich um — beide Versionen existieren problemlos nebeneinander.
„Unsere Sachbearbeitenden sind keine Sprachexperten — die können Leichte Sprache nicht erstellen.” Das ist der Punkt. Mit KI müssen sie das nicht. Der Workflow ist: Sachbearbeiterin gibt Dokument ein, KI erstellt Entwurf, Sachbearbeiterin prüft inhaltliche Richtigkeit (nicht sprachliche Form), Leichte-Sprache-Prüferin nimmt formale Abnahme vor. Die Sachbearbeiterin bleibt Fachexpertin — nicht Sprachredakteurin.
„Wir haben keine ausgebildeten Leichte-Sprache-Prüfer.” Für den Einstieg reicht einfache Sprache (B1-Niveau), nicht zertifizierte Leichte Sprache. Einfache Sprache kann intern geprüft werden, ohne Sonderzertifizierung. Schritt zwei — zertifizierte Leichte Sprache für besonders wichtige Dokumente — kann über externe Dienstleister abgedeckt werden. Netzwerk Leichte Sprache e.V. und Inclusion Europe bieten Vermittlung geprüfter Redakteurinnen an.
Woran du merkst, dass das zu dir passt
Das passt zu deiner Behörde, wenn:
- Ihr regelmäßig Rückrufe bekommt, bei denen Bürger den Inhalt von Bescheiden erklärt haben wollen
- Ihr eine BITV-Prüfung hattet oder erwartet und Lücken kennt
- Ihr ein großes Dokumentenportfolio habt, das bisher nicht vereinfacht ist
- Ihr sprachlich vulnerablen Gruppen dient — ältere Menschen, Menschen mit Lernschwierigkeiten, geringer Deutschkenntnisse
Das passt noch nicht zu dir, wenn:
- Ihr keine internen Ressourcen für Prüfung habt und auch kein Budget für externe Prüfpersonen — dann erstellt ihr unkontrollierte Vereinfachungen, die rechtlich problematisch sein können
- Eure Dokumente sind hochindividuell und enthalten durchgehend personenbezogene Daten, die nicht entfernt werden können — dann ist der Datenschutzaufwand für Cloud-KI prohibitiv, und on-premise ist nötig
- Ihr erwartet einen direkten ROI in Euro innerhalb von 12 Monaten — das ist bei diesem Anwendungsfall die falsche Erwartungshaltung
Das kannst du heute noch tun
Wähle einen einzigen Bescheidtyp aus, der regelmäßig Rückfragen erzeugt. Schreibe das Leichte-Sprache-Regelwerk als Systemprompt. Lass KI einen Entwurf erstellen. Lass einen Kollegen beurteilen, ob der Entwurf inhaltlich korrekt ist. Das dauert einen halben Tag — und du weißt, ob der Ansatz für deine Behörde funktioniert.
Mitarbeiter:in
KI-Assistent
Quellen & Methodik
- Institut für Deutsche Sprache (2023): Studie zu Lesekompetenz Erwachsener in Deutschland — 12,4 Millionen Erwachsene mit unterdurchschnittlicher Lesekompetenz
- Bertelsmann Stiftung (2022): Analyse zur Verständlichkeit von Behördenkommunikation — Bürger empfinden Amtsdeutsch als größte Zugangshürde zu Verwaltungsleistungen
- Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) und BITV 2.0 — gesetzliche Grundlage für Barrierefreiheitspflichten öffentlicher Stellen
- EU-Richtlinie 2016/2102 (BFSGV): Barrierefreier Zugang zu Websites und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen — verschärfte Anforderungen ab 2025
- Netzwerk Leichte Sprache e.V.: Regeln und Qualitätsstandards für Leichte Sprache
- Erfahrungswerte aus Beratungsprojekten bei kommunalen Verwaltungen und Bundesbehörden (2023–2025)
Diesen Inhalt teilen:
Interesse an diesem Use Case?
Schreib uns, wenn du mehr erfahren oder diesen Use Case für dein Unternehmen umsetzen möchtest. Wir melden uns zeitnah bei dir.
Weitere Use Cases
Bürger-Chatbot für häufige Anfragen
Ein KI-gestützter Chatbot beantwortet häufige Bürgeranfragen rund um die Uhr — von Öffnungszeiten über Formulare bis hin zu Zuständigkeiten und Fristen.
Mehr erfahrenKI-gestützte Antragsprüfung in der Verwaltung
KI prüft eingereichte Anträge auf Vollständigkeit und Plausibilität, erkennt häufige Fehler und unterstützt Sachbearbeitende bei der Bearbeitung — schneller und konsistenter.
Mehr erfahrenAutomatische Dokumentenklassifizierung in der Verwaltung
KI klassifiziert eingehende Dokumente automatisch, ordnet sie den richtigen Vorgängen zu und leitet sie an die zuständige Stelle weiter — ohne manuelle Sichtung.
Mehr erfahren