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Metallindustrie cncfertigungdokumentation

Fertigungsdokumentation CNC automatisieren

CNC-Bearbeitungsprotokolle automatisch erfassen, Maschinen-Logs auswerten und Fertigungsdokumentation ohne manuelle Eingaben erstellen.

Worum geht's?

Es ist Mittwoch, 6:47 Uhr.

Stefan Hollmann, Schichtleiter in einer Zerspanerei in Thüringen, beginnt die Frühschicht. Erste Aufgabe: den Rückmeldebogen für die Nachtschicht ausfüllen — drei Seiten, handschriftlich. Wann welche Maschine welchen Auftrag bearbeitet hat, wie viele Teile gut waren, wie viele Ausschuss, warum zwei Stunden Stillstand zwischen 1 und 3 Uhr. Er weiß die Antworten auf einiges davon. Für den Stillstand muss er den Nachschichtleiter anrufen. Der hat gerade Mittagspause.

Um 8:30 trägt Hollmann die Daten in die Excel-Tabelle ein, die der Meister täglich für das Produktions-Reporting braucht. Dieselben Zahlen, dieselbe Quelle, anderes Format. Um 9:15 will der Qualitätsmanager die Prüfprotokolle für Auftrag 7842 — handschriftlich auf Papier, noch nicht ins DMS eingepflegt.

Hollmann verbringt täglich schätzungsweise 90 Minuten damit, Daten zu übertragen, die die Maschinen selbst kennen.

Das echte Ausmaß des Problems

CNC-Maschinen sind hochpräzise Datenquellen. Jede Siemens SINUMERIK, jede Fanuc-Steuerung, jede Heidenhain TNC protokolliert intern: wann ein Programm gestartet wurde, wie lang die Bearbeitungszeit war, ob Alarme aufgetreten sind, welche Achsbewegungen ausgeführt wurden, wie viele Zyklen abgearbeitet wurden. Diese Daten sind vorhanden — aber in der Mehrzahl der mittelständischen Zerspanungsbetriebe verlässt kein einziges dieser Daten die Maschine automatisch.

Stattdessen passiert das Folgende:

  • Schichtleiter protokollieren manuell, was die Maschinen ihnen mitteilen (Stückzahl, Stillstandsgründe, Auftragsende)
  • Fehlerhafte oder fehlende Einträge entstehen, wenn die Schicht hektisch ist oder der Abgabedruck für das Reporting hoch
  • Dieselben Daten werden mehrfach eingetragen — im Papierprotokoll, in Excel, im ERP-Rückmeldedialog
  • Analyse ist kaum möglich, weil die Daten über verschiedene Systeme verteilt oder im Papierordner liegen

Was dieser Zustand kostet, lässt sich konkret abschätzen: 90 Minuten Dokumentationsaufwand pro Schicht und Schichtleiter × 3 Schichten × 250 Arbeitstage = 1.125 Stunden im Jahr. Bei 30 Euro Bruttostundenlohn: 33.750 Euro jährlich für reine Dateneingabe in einem Betrieb mit drei Schichten. Das ist noch nicht das schlechteste Ergebnis — das schlechteste Ergebnis ist, wenn bei einer Kundenreklamation niemand nachweisen kann, welche Maschine welche Teile unter welchen Bedingungen gefertigt hat.

Branchenerhebungen zeigen: Die tatsächliche Maschinenauslastung (OEE) in mittelständischen CNC-Betrieben liegt im Schnitt bei 55–65 Prozent — gegenüber der oft angenommenen 80 Prozent. Der Unterschied ist unsichtbarer Stillstand, der nie protokolliert wurde. Was nicht gemessen wird, kann nicht verbessert werden.

Mit vs. ohne KI — ein ehrlicher Vergleich

KennzahlOhne AutomatisierungMit automatischer Maschinendatenerfassung
Dokumentationsaufwand je Schicht60–90 Minuten manuelle Eingabe5–10 Minuten Stichprobenkontrolle
Datenverfügbarkeit für Reporting1–24 Stunden VerzögerungEchtzeit
Bekannte Maschinenauslastung (OEE)Geschätzt, oft zu optimistischGemessen, nach 4 Wochen erste echte Baseline
Rückverfolgbarkeit bei ReklamationPapierprotokoll, lückenhaftVollständig aus Maschinenlog + MES-Daten
Reaktionszeit bei StillstandSchichtleiter bemerkt es nach 20–60 MinutenAlert in unter 5 Minuten
NC-Programmänderungen dokumentiertSelten, manuellAutomatisch mit Versionsstempel

Einschätzung auf einen Blick

Zeitersparnis — hoch (4/5) 60–90 Minuten manuelle Protokollierung pro Schicht fallen weg — das ist ein konkreter, täglich messbarer Effekt. Nicht ganz auf dem Niveau der Materialzertifikat-Verwaltung, weil ein Teil des Aufwands Interpretation und Entscheidung bleibt, nicht nur Dateneingabe. Aber stark genug für den zweiten Platz in dieser Kategorie.

Kosteneinsparung — mittel (3/5) Direkter Effekt: Einsparung der Dokumentationszeit. Indirekter Effekt: OEE-Steigerung um 5–15 Prozent durch Sichtbarmachen von verstecktem Stillstand. Das ist real, aber schwerer vorab zu beziffern. Der Mittelfeldplatz ist ehrlich — wer nur die Zeitersparnis zählt, unterschätzt das Potenzial, wer nur die OEE-Verbesserung verspricht, macht es zu abstrakt.

Schnelle Umsetzung — gering (2/5) Die CNC-Maschinenanbindung ist die technische Herausforderung: Verschiedene Steuerungshersteller, verschiedene Generationen, manche ohne OPC-UA-Schnittstelle. Was bei modernen Maschinen in einer Woche geht, dauert bei Bestandsmaschinen Monate. Der Systemintegrations-Aufwand übersteigt den der Materialzertifikat-Verwaltung deutlich.

ROI-Sicherheit — hoch (4/5) Zeitersparnis ist direkt messbar, OEE-Veränderung ebenfalls. Nach 4–6 Wochen Pilotbetrieb hat man eine belastbare Baseline — und kann den Unterschied zu vorher beziffern. Uncertainty liegt darin, dass OEE-Verbesserung keine Konsequenz der Messung ist, sondern der Maßnahmen, die auf die Messung folgen. Das System zeigt das Problem, löst es aber nicht automatisch.

Skalierbarkeit — hoch (4/5) Einmal die Infrastruktur aufgebaut, lassen sich weitere Maschinen mit geringem Mehraufwand integrieren — sofern sie kompatible Schnittstellen haben. Der initiale Aufbau der OPC-UA-Infrastruktur und des MES-Templates ist der aufwändige Teil; jede weitere Maschine kostet danach weniger.

Richtwerte — stark abhängig von Maschinenalter, Steuerungstypen und ERP-Integrationsaufwand.

Was die automatische Fertigungsdokumentation konkret macht

Das System verbindet drei Schichten miteinander:

Schicht 1: Maschinendatenerfassung (MDE)

Die CNC-Steuerung gibt über eine standardisierte Schnittstelle (typisch OPC UA oder proprietäre Protokolle für ältere Maschinen) Echtzeit-Daten aus: Maschinenstatus (läuft / steht / Alarm), aktives NC-Programm, Programmzähler (wie viele Zyklen abgeschlossen), Rüstbeginn und -ende, Vorschuboverride. Bei modernen Maschinen (ab ca. 2015) läuft das ohne Hardware-Nachrüstung. Bei älteren Maschinen braucht es einen Edge-Adapter, der analoge Signale digitalisiert.

Schicht 2: MES und Auftragsverfolgung

Das Manufacturing Execution System nimmt die Maschinenrohdaten und ordnet sie Fertigungsaufträgen zu: Welcher Auftrag lief wann auf welcher Maschine? Wie lange dauerte die Rüstzeit, wie lange die Bearbeitungszeit, wie lange der Stillstand? Das MES berechnet automatisch Kennzahlen wie OEE (Overall Equipment Effectiveness), Gut-/Ausschussquote und Auftragsfortschritt — ohne dass jemand etwas eintippen muss.

Schicht 3: KI-gestützte Protokollerstellung

Die reine Datenaggregation gibt es seit Jahren. Der KI-Anteil liegt im aktuellen Stand der Technik hier: Anomalie-Erkennung (welcher Stillstand ist ungewöhnlich und sollte gemeldet werden?), automatische Ursachenzuordnung (Stillstand durch Werkzeugwechsel vs. Maschinenstörung vs. fehlendes Material), und — das ist der Schritt für die Fertigungsdokumentation — automatische Erstellung von Prüfprotokollen aus Maschinenrohdaten. Wenn das Maschinenlog zeigt, dass Programm V-7842-R3 auf Maschine B4 in Schicht 3 42 Teile produziert hat, 40 davon gutgegangen sind, und die Bearbeitungszeit innerhalb ±2 Prozent der Sollzeit lag, erstellt das System das Fertigungsprotokoll ohne Schichtleitereingriff.

Was ihr hardware-seitig braucht

Bei der CNC-Anbindung gilt die Faustregel: Je neuer die Maschine, desto einfacher.

Moderne CNC-Maschinen (Baujahr 2015 und neuer): Fanuc, Siemens SINUMERIK, Heidenhain TNC — diese Steuerungen haben in aktuellen Versionen OPC-UA-Server eingebaut. Die Anbindung erfolgt über Netzwerk, kein Hardware-Umbau. Kosten für die Anbindung einer Maschine: 500–2.000 Euro für Konfiguration und Integration.

Ältere Maschinen (vor 2015): Hier gibt es drei Wege:

  1. Hardware-Edge-Adapter (z. B. Siemens Industrial Edge, Mitsubishi NC Collector) — nachrüstbares Gerät, das die proprietären Maschinenprotokolle übersetzt. Kosten: 1.000–5.000 Euro pro Maschine
  2. Signal-Abgriff via I/O — analoge Signale (Spindel läuft / steht) werden per Sensor erfasst. Einfacher, weniger Datentiefe
  3. NC-Programm-Modifikation — Zählzyklen werden in NC-Programme eingebaut, die dann Daten melden. Funktioniert, ist aber aufwändig zu pflegen

Bestandsmaschinen der 1990er und frühen 2000er Jahre sind teils gar nicht sinnvoll anbindbar — der Aufwand übersteigt den Nutzen. In diesem Fall: Maschine von der Automatisierung ausnehmen und manuell weiterführen.

Konkrete Werkzeuge — was wann passt

Siemens Opcenter — Vollständiges MES von Siemens. Stark in der Fertigungsausführung, Qualitätsmanagement und Rückverfolgbarkeit. Gut für Betriebe, die tief in die Siemens-Infrastruktur integriert sind (SINUMERIK-Maschinen, Siemens-SPS). Implementierungsprojekte dauern 12–24 Monate, Kosten im fünf- bis sechsstelligen Bereich jährlich. Keine Lösung für schnellen Einstieg.

SAP Digital Manufacturing — Ideal für Betriebe, die bereits SAP S/4HANA im Einsatz haben. Echtzeit-ERP-Integration ohne Middleware. Gleiche Einschränkung wie Opcenter: aufwändig, teuer, nur für SAP-Kunden.

Siemens Industrial Edge — Nicht ein vollständiges MES, sondern eine Edge-Computing-Plattform, auf der Analyse-Apps laufen. Kann für Maschinendatenerfassung und Echtzeit-OEE-Visualisierung eingesetzt werden, ohne ein vollständiges MES-Projekt zu starten. Niedrigere Einstiegshürde als Opcenter.

Evomecs — Herstellerneutrale MDE- und MES-Plattform für mittelständische CNC-Betriebe. Verbindet Maschinen verschiedener Hersteller über OPC UA, liefert OEE-Dashboards und Fertigungsfortschritt. Deutsches Unternehmen, deutschsprachiger Support. Geeigneter für heterogene Maschinenparks ohne SAP- oder Siemens-Bindung.

MachineMetrics u. a. — Cloud-SaaS-Lösungen mit schnellem Einstieg (Installation in Tagen, nicht Monaten). Stärke: keine IT-Infrastruktur lokal nötig, schnelles Feedback zu OEE. Schwäche: US-gehostet, begrenzte ERP-Integration, Datenschutzprüfung nötig.

Zusammenfassung: Wann welcher Ansatz

  • SAP S/4HANA-Kunde → SAP Digital Manufacturing
  • Siemens-Maschinenpark, tiefe MES-Anforderungen → Siemens Opcenter
  • Heterogener Maschinenpark, KMU, deutschsprachig → Evomecs
  • Schneller OEE-Einstieg, Cloud ok → MachineMetrics o. Ä.
  • Einstieg über Edge-Devices ohne vollständiges MES → Siemens Industrial Edge

Datenschutz und Datenhaltung

CNC-Maschinendaten enthalten keine personenbezogenen Daten im Sinne der DSGVO — es handelt sich um Maschinen- und Prozessdaten. DSGVO ist damit für die Kernfunktion kein Thema.

Relevant wird es in zwei Fällen:

  1. Mitarbeiterzuordnung: Wenn das System protokolliert, welcher Mitarbeitende wann an welcher Maschine gearbeitet hat — etwa durch Anmeldung am Terminal — entstehen personenbezogene Daten. Das erfordert Betriebsratsabstimmung und ggf. eine Betriebsvereinbarung

  2. Cloud-Datenübertragung: Wer SaaS-Lösungen von US-Anbietern nutzt, muss sicherstellen, dass Maschinendaten keinen Rückschluss auf Kundenaufträge oder proprietäre Fertigungsparameter erlauben. Für besonders sensible Fertigungsdaten (Luftfahrt, Verteidigung, Medizintechnik) kann das ein Ausschlusskriterium für US-Hosting sein

Empfehlung für sensible Betriebe: Evomecs (deutsches Unternehmen, deutsches Rechenzentrum) oder Siemens-Lösungen mit On-Premises-Option wählen.

Was es kostet — realistisch gerechnet

Einmalige Einrichtungskosten

KomponenteTypische Kosten
MDE-Software-Lizenz (je nach Maschinen/Nutzer)5.000–30.000 €
Maschinenanbindung (OPC UA, Adapter) je Maschine500–5.000 €
MES-Konfiguration und ERP-Integration5.000–20.000 €
Hardware (Edge-Devices für ältere Maschinen)1.000–5.000 € je Maschine
Gesamtinvestition (Pilot, 3–5 Maschinen)15.000–50.000 €

Laufende Kosten

  • SaaS-MES (Evomecs, MachineMetrics): 50–300 EUR/Maschine/Monat
  • On-Premises-Lizenzen (Siemens Opcenter): fünfstellig jährlich
  • Wartung und Support: 15–20 % der Lizenzkosten/Jahr

Gegenrechnung im konservativen Szenario

10 CNC-Maschinen, 1 Schicht, 1 Schichtleiter, 60 Minuten manuelle Dokumentation täglich × 250 Arbeitstage × 30 Euro/Stunde = 7.500 Euro/Jahr für reine Dokumentationszeit. Dazu OEE-Steigerung von 5 Prozent bei 10 Maschinen × 8 Stunden × 250 Tage × 80 Euro/Maschinenstunde-Deckungsbeitrag = 80.000 Euro/Jahr potenzielle Zusatzkapazität, wenn sie genutzt wird.

Realistisch: Nicht jede Kapazität wird sofort genutzt. Im konservativen Szenario (50 Prozent der OEE-Verbesserung übersetzen sich in echten Mehrwert) verbleiben ca. 40.000 Euro/Jahr bei 10 Maschinen. Die Investition von 20.000–40.000 Euro amortisiert sich in 6–12 Monaten.

Wie du den Nutzen tatsächlich misst

Protokolliere vier Wochen lang manuell die tatsächliche Maschinenauslastung (OEE) durch Stoppuhr und Schichtprotokoll. Das ist die Baseline. Vergleiche nach der Einführung: Was hat sich verändert? Wenn die OEE steigt, ist der Effekt die Kombination aus besserer Sichtbarkeit und gezielten Verbesserungsmaßnahmen — nicht das System alleine.

Typische Einstiegsfehler

1. Alle Maschinen auf einmal anbinden wollen

Der Impuls ist verständlich — maximaler Nutzen von Anfang an. Das Ergebnis: Das Projekt wird wegen Komplexität, Budget und interner Widerstände nach drei Monaten auf Eis gelegt. Die richtige Strategie: Eine Produktionslinie, die als Engpass bekannt ist, zwei bis drei Maschinen, vier Wochen Pilotbetrieb. Erst wenn die Zahlen überzeugen, wird auf den Rest des Parks ausgerollt.

2. Bestandsmaschinen unterschätzen

Eine Maschine Baujahr 2003 mit alter Fanuc-Steuerung hat keine OPC-UA-Schnittstelle. Wer das erst herausfindet, wenn der Systemintegrator schon auf der Matte steht, hat ein Budgetproblem. Vor dem Projekt: jede Maschine inventarisieren, Steuerungstyp und Baujahr dokumentieren, mit dem Systemintegrator klären, welche Anbindungsmethode für jede Maschine realistisch ist.

3. Das System zeigt Probleme — aber niemand löst sie

Das ist der häufigste Langzeitfehler: Nach der Einführung sieht der Meister auf dem Dashboard, dass Maschine 7 täglich 2 Stunden ungeplanten Stillstand hat. Niemand wurde beauftragt, das zu analysieren. Nach drei Monaten schaut niemand mehr auf das Dashboard. Das MES-System kann Probleme sichtbar machen — aber die organisatorische Reaktion darauf muss bewusst geplant werden. Wer reagiert bei welchem Alarm? Welche Besprechungsstruktur nutzt die Daten?

Was mit der Einführung wirklich passiert — und was nicht

Das Schwierigste an dieser Einführung ist nicht die Technik, sondern der Umgang mit dem, was das System sichtbar macht.

Wenn ein Betrieb erstmals wirkliche OEE-Zahlen sieht, ist die erste Reaktion häufig Unglaube: „Unsere Maschinen können nicht nur 58 Prozent ausgelastet sein — wir liefern doch.” Was folgt, ist eine Suche nach Fehlern im System statt im Prozess. Das ist eine bekannte Phase in jedem OEE-Projekt — sie dauert typisch 2–4 Wochen. Was hilft: Das erste OEE-Dashboard als Diskussionsgrundlage positionieren, nicht als Urteil. „Was sehen wir hier, und stimmt das?” ist die richtige erste Frage — nicht „Wer ist schuld?”

Die zweite typische Schwierigkeit: Der Schichtleiter, der bisher die Protokolle handgeschrieben hat, fühlt sich übergangen oder kontrolliert. Das Gegenmittel ist frühzeitige Einbindung: Er soll das Pilotprojekt begleiten und darf Fehler im System melden. Wer das System mitgestaltet, verteidigt es später.

Was konkret hilft:

  • Pilotergebnis nach vier Wochen transparent kommunizieren — auch wenn die OEE-Zahlen enttäuschend sind
  • Erste Analyse-Session mit Meister und Schichtleitern gemeinsam, um die drei größten Stillstandsgründe zu identifizieren
  • Klare Verantwortung benennen: Wer wertet die Daten wöchentlich aus und leitet Maßnahmen ab?

Realistischer Zeitplan mit Risikohinweisen

PhaseDauerWas passiertTypisches Risiko
Inventur & KonzeptWoche 1–2Maschinen inventarisieren, Steuerungstypen klären, Pilotmaschinen wählenZu viele Bestandsmaschinen ohne OPC UA → Pilotumfang anpassen
Tool-Auswahl & VertragsabschlussWoche 2–4Anbieter evaluieren, PoC vereinbarenSiemens/SAP-Entscheidung ohne vorhandene Infrastruktur → Monate Mehraufwand
Maschinenanbindung PilotWoche 4–103–5 Maschinen anbinden, erste Daten erfassenProprietäre Schnittstellen der Bestandsmaschinen → Adapterkosten höher als geplant
MES-KonfigurationWoche 8–14OEE-Berechnung, Auftragsverknüpfung, ERP-SchnittstelleERP ohne REST-API → manuelle Sync nötig
Pilotbetrieb & AuswertungWoche 12–16Echtbetrieb, Daten analysieren, ROI messenKeine Reaktion auf Stillstandsdaten → Nutzen verpufft
Rollout weitere MaschinenAb Woche 16Schritt für Schritt weitere Maschinen integrierenBudget erschöpft nach Pilot → Rollout verzögert sich

Häufige Einwände — und was dahintersteckt

„Unsere Maschinen sind zu alt für das.”

Nicht unbedingt. Ältere Maschinen brauchen Edge-Adapter statt direkter OPC-UA-Anbindung — das kostet 1.000–5.000 Euro je Maschine mehr, ist aber lösbar. Die Grenze liegt weniger beim Alter der Maschine als beim Steuerungstyp: Einige sehr alte Steuerungen (vor 1995) sind tatsächlich nicht wirtschaftlich anbindbar. Für diese Maschinen gibt es auch einfachere Lösungen, die nur „läuft / steht” per I/O-Signal erfassen — nicht ideal, aber besser als gar nichts.

„Wir haben kein Budget für ein vollständiges MES.”

Ein vollständiges MES wie Siemens Opcenter ist für die meisten KMU tatsächlich zu teuer. Aber MDE — Maschinendatenerfassung ohne vollständiges MES — ist deutlich günstiger. Tools wie MachineMetrics (SaaS, 50–100 USD/Maschine/Monat) ermöglichen OEE-Messung und Stillstandserfassung ohne großes IT-Projekt. Das ist kein vollständiges MES — aber es liefert die wichtigsten Daten zu einem Bruchteil des Preises.

„Die Schichtleiter werden das nicht nutzen.”

Das ist ein berechtigter Einwand — wenn man das System von oben einführt. Wenn Schichtleiter von Anfang an beteiligt sind und sehen, dass das System ihnen Arbeit abnimmt (kein handschriftliches Protokoll mehr), ist die Akzeptanz in der Praxis hoch. Was nicht akzeptiert wird: ein System, das nur zur Kontrolle eingesetzt wird, ohne dass die Betroffenen einen eigenen Nutzen sehen.

Woran du merkst, dass das zu dir passt

  • Deine Schichtleiter verbringen täglich mehr als 30 Minuten damit, Maschinendaten manuell zu protokollieren
  • Du weißt nicht, wie hoch die tatsächliche OEE in deiner Fertigung ist — du schätzt sie
  • Bei der letzten Kundenreklamation hat die Rückverfolgung, auf welcher Maschine das Teil gefertigt wurde, mehr als einen Tag gedauert
  • Du hast Fertigungsaufträge, die öfter zu spät fertig werden, ohne dass du die Ursache kennen würdest
  • Du hast Maschinen, die ab Baujahr 2010 mit standardisierten Steuerungen (Fanuc, Heidenhain, Siemens SINUMERIK) ausgestattet sind

Wann es sich (noch) nicht lohnt — drei harte Ausschlusskriterien:

  1. Unter 5 CNC-Maschinen oder hauptsächlich Unikate ohne Wiederholaufträge. Bei kleinem Maschinenpark oder reiner Einzelfertigung ohne Standardaufträge ist der Nutzen zu gering für die Investition. Manuelle Dokumentation reicht dann aus.

  2. Kein ERP oder keine Auftragsplanung digital verfügbar. Das MES entfaltet seinen Nutzen durch die Verknüpfung von Maschinenzeiten mit Fertigungsaufträgen. Ohne digitales ERP im Rücken ist das System nur eine OEE-Anzeige — hilfreich, aber nicht transformativ.

  3. Kein Systemintegrator verfügbar und keine interne IT-Kapazität. CNC-Maschinenanbindung ist kein Selbstläufer. Wer keine interne Ressource für die Konfiguration hat und keinen Systemintegrator beauftragen kann, wird das Projekt nicht erfolgreich abschließen — auch wenn das Tool gut ist.

Das kannst du heute noch tun

Ein ehrlicher erster Schritt, der nichts kostet: Lass einen Schichtleiter eine Woche lang protokollieren, wie viel Zeit pro Tag auf reine Dateneingabe und Protokollerstellung entfällt. Nicht schätzen — wirklich aufschreiben, Stoppuhr.

Das Ergebnis ist deine Baseline. Wenn es weniger als 20 Minuten täglich sind, ist automatische Fertigungsdokumentation kein dringender Bedarf. Wenn es mehr als 45 Minuten sind, lohnt die nächste Überlegung.

Für die Erstellung einer strukturierten Fertigungsdokumentation aus manuell erhobenen Maschinendaten kannst du diesen Prompt nutzen — als Übergangslösung, bis das MES steht, oder als Vorlage für das, was das System automatisch liefern soll:

Prompt für strukturiertes Schichtprotokoll
Du bist der Fertigungsdokumentations-Assistent für [FIRMENNAME]. Ich gebe dir Rohdaten aus der Schichtübergabe. Erstelle daraus ein strukturiertes Fertigungsprotokoll. Eingabeformat (ich gebe dir diese Daten): - Schicht: [Früh/Spät/Nacht] - Datum: - Maschine(n): - Aufträge bearbeitet: [Auftragsnummer, Stückzahl Soll, Stückzahl Ist, Ausschuss] - Stillstände: [Beginn, Ende, Ursache] - Besonderheiten: [freitext] Ausgabe als strukturiertes Protokoll: 1. Schichtzusammenfassung (Datum, Schicht, Maschinen) 2. Auftragsübersicht (Tabelle: Auftrag | Soll | Ist | Gut | Ausschuss | Abweichung %) 3. Stillstandsauswertung (geplant vs. ungeplant, Gesamtzeit, Ursachen) 4. OEE-Schätzung: Verfügbarkeit × Leistung × Qualität (berechne aus den Angaben) 5. Handlungsbedarf (automatisch ableiten: Was braucht sofortige Aufmerksamkeit?) Verwende das Datum und die Schicht als eindeutige Protokoll-ID.
Funktioniert mit ChatGPT, Claude
Beispiel-Ausgabe

Mitarbeiter:in

Schicht: Frühschicht | Datum: 17.04.2025 | Maschine: B4 (Bearbeitungszentrum DMG Mori) | Aufträge: 7842 / 120 Soll / 118 Ist / 2 Ausschuss (Maßabweichung Bohrung); 7843 / 60 Soll / 55 Ist / 0 Ausschuss — Auftrag nicht fertig | Stillstand 07:15–08:30 Werkzeugwechsel Bohrer (geplant), 10:45–11:05 Spanraumvollläuft Alarm | Besonderheiten: NC-Programm V-7843-R2 wegen Passfedernut Maßkorrektur angepasst

KI-Assistent

Fertigungsprotokoll B4 — Frühschicht 17.04.2025 1. Schichtzusammenfassung Maschine: B4 | DMG Mori Bearbeitungszentrum Schicht: 06:00–14:00 (8 h) 2. Auftragsübersicht | Auftrag | Soll | Ist | Gut | Ausschuss | Abw. | |---------|------|-----|-----|-----------|------| | 7842 | 120 | 118 | 116 | 2 (1,7 %) | -2 | | 7843 | 60 | 55 | 55 | 0 (0,0 %) | -5 (nicht fertig) | Ausschussursache 7842: Maßabweichung Bohrung → prüfen ob Werkzeugverschleiß 3. Stillstandsauswertung Geplant: 07:15–08:30 (75 min) — Werkzeugwechsel Bohrer ✓ Ungeplant: 10:45–11:05 (20 min) — Spanraumalarm Gesamt-Stillstand: 95 min | davon ungeplant: 20 min 4. OEE-Schätzung Verfügbarkeit: (480 − 95) / 480 = 80,2 % Qualität: (171 Gut) / 173 Ist = 98,8 % OEE (ohne Leistungsgrad-Daten): ~79 % 5. Handlungsbedarf ⚠ Ausschuss 7842: 2 Teile Maßabweichung Bohrung → Werkzeugzustand B4-Bohrer prüfen vor Wiederaufnahme ℹ NC-Programm V-7843-R2 wurde angepasst (Passfedernut) → Änderung dokumentieren, QM informieren ℹ Auftrag 7843: 5 Teile offen → Übergabe Spätschicht, ca. 25 min Restzeit

Quellen & Methodik

  • OEE-Benchmarks (55–65 % Mittelstand): Branchenerhebungen von MES-Anbietern (MachineMetrics, Evomecs) und eigene Beobachtungen aus Projekten in mittelständischen Zerspanungsbetrieben; häufig liegt die tatsächliche Auslastung weit unter der geschätzten
  • Dokumentationsaufwand 60–90 Minuten/Schicht: Eigene Erhebungen in Zerspanungs- und Stahlbaubetrieben; bestätigt durch Branchenberichte zur manuellen MDE-Dokumentation
  • OPC UA als Standard: Böhme & Weihs, „MES: Grundlagen der Maschinenanbindung mit OPC UA” (2024); IT&Production, „Auf dem Weg zur einfachen Maschinenanbindung” (2024)
  • MES-ROI (3–12 Monate): Innorobix, „Real-Time Job Tracking via MES Integration with CNCs” (2024); MachineMetrics Blog, „Machine Data Collection” (2024)
  • OEE-Verbesserung 5–15 % durch automatische MDE: Erfahrungswerte aus MES-Implementierungen; ROI-Rechner von pos.de „ROI-Berechnung Automatisierung: Leitfaden für KMU-Fertigung” (2024)
  • Siemens SINUMERIK, Fanuc, Heidenhain: Hersteller-Dokumentation zu OPC-UA-Unterstützung (Stand April 2026)

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