Infermedica
Infermedica
Infermedica ist eine API-first-Plattform für digitale Symptomerfassung und Triage. Das System führt Patienten durch einen strukturierten Fragedialog, bewertet die Dringlichkeit und empfiehlt den passenden Versorgungskanal. Eingesetzt von Krankenkassen, Kliniken und Call-Center-Dienstleistern in über 30 Ländern.
Kosten: API-Pricing auf Anfrage; Symptomate-App für Patienten kostenlos. B2B-Modell für Gesundheitsorganisationen.
Kategorien
Stärken
- Klinisch validiertes medizinisches Wissensmodell mit über 750 Erkrankungen abgedeckt
- API-first: nahtlose Integration in bestehende KIS, Apps und Call-Center-Software möglich
- Studienbasiert: Gellert et al. 2023, 80,1 % Patientenzufriedenheit, keine kritischen Fehleinstufungen
- Nachgewiesene Reduktion unnötiger Notaufnahme-Besuche (Médis-Fallstudie)
- EU-Datenhosting, DSGVO-konforme Architektur, ISO 27001, ISO 13485 und SOC 2 Type 2 zertifiziert
Einschränkungen
- Nur für Entwickler/IT-Ressourcen: keine Praxis-taugliche Out-of-the-box-Lösung
- Preise nicht öffentlich, Vertriebsgespräch erforderlich
- Konfiguration und Anpassung erfordert medizinisches Fachwissen beim Betreiber
- Zertifizierungsaufwand (MDR) liegt beim integrierenden Unternehmen
Passt gut zu
Kurzfazit
Infermedica ist die seriöse europäische Antwort auf Symptom-Checker wie Ada, Babylon oder K Health: ein in Wrocław gegründetes Unternehmen (seit 2012), das eine medizinisch validierte Triage-Engine als API anbietet. Stärke ist die klinische Tiefe, über 750 abgedeckte Erkrankungen, peer-reviewte Studien, MDR-Class-IIb-Zertifizierung, Kunden wie Allianz Partners, Teladoc Health und das polnische PZU. Schwäche ist die Einstiegshürde: kein Plug-and-play, sondern ein Entwicklerprojekt mit medizinischer Verantwortung beim Betreiber. Wer eine niederschwellige Lösung für eine Einzelpraxis sucht, ist hier falsch, wer eine Krankenkassen-App, ein KIS-Modul oder eine Telemedizin-Plattform baut, findet hier eine der wenigen ernsthaft prüffähigen Optionen mit EU-Hosting.
Für wen ist Infermedica?
Krankenkassen und Versicherer. Wer in der App eine Symptomprüfung anbieten will, etwa als Vorstufe zur Versorgungssteuerung oder Telemedizin-Vermittlung, bekommt mit Infermedica eine API, die sich whitelabeln lässt. Allianz Partners ist ein Referenzkunde, Vorbild für die DACH-Region.
Telemedizin-Anbieter. Vor jedem Videocall einen strukturierten Symptom-Check vorschalten reduziert Konsultationszeit und liefert dem Arzt eine vorbereitete Anamnese. Teladoc Health setzt das in mehreren Märkten ein.
Call-Center im Gesundheitswesen. Triage-Telefonie (etwa nach dem MTS- oder SMaRT-Schema) lässt sich mit Infermedica teilautomatisieren, der Anrufer beantwortet die Erstfragen über eine Web-Maske oder Sprachschnittstelle, das Personal arbeitet mit dem aufbereiteten Vorergebnis weiter.
Kliniken mit IT-Abteilung. Patientenportale, Aufnahme-Kioske oder ein digitales Wartezimmer profitieren von einer strukturierten Erstanamnese. Voraussetzung: ein Team, das die Integration baut und die rechtliche Klassifizierung als Medizinprodukt verantwortet.
Weniger geeignet für: einzelne Arztpraxen ohne IT-Ressourcen, Apotheken, Heilpraktiker, Endkunden, die nur eine fertige App suchen (dafür gibt es Infermedicas Konsumenten-Marke Symptomate). Auch Forschungsprojekte mit kleinem Budget tun sich schwer, die Preisgestaltung ist auf Enterprise-Volumen ausgelegt.
Preise im Detail
| Produkt | Modell | Indikation |
|---|---|---|
| API-Sandbox / Developer | Kostenlos | Test mit synthetischen Daten, niedriges Volumen |
| Production-API (Triage, Intake, Symptom Check) | Auf Anfrage | Volumenbasiert, jährliche Lizenz, individuell verhandelt |
| Conversational Triage / Voice Agent | Auf Anfrage | Neuere Module, eigenes Pricing |
| Symptomate (Endnutzer-App) | Kostenlos | Als Schaufenster für die Engine, nicht für Praxiseinsatz |
Einordnung: Infermedica veröffentlicht keine Preisliste, die im April 2026 erreichbare /pricing-Seite war beim letzten Test (Mai 2026) abgeschaltet. Marktbeobachter berichten von Einstiegslizenzen ab dem mittleren fünfstelligen Eurobereich pro Jahr; relevante Faktoren sind Anzahl der Triage-Sessions, Module (nur Triage vs. Intake plus Follow-up vs. das vollständige Paket inklusive Voice Agent) und Whitelabel-Anforderungen. Wer ernsthaft kalkuliert, braucht eine eigene Volumenschätzung und mindestens drei Vertriebskontakte: Infermedica, Ada Health und einen lokalen Anbieter (etwa Visiba Care oder mediteo) zur Quervalidierung.
Stärken im Detail
Klinisch validiert, nicht nur „smart”. Infermedica veröffentlicht regelmäßig peer-reviewte Studien zur Genauigkeit seiner Engine. Gellert et al. (2023) maß in einem real-world-Setting 80,1 Prozent Patientenzufriedenheit und keine kritischen Fehleinstufungen, eine in dieser Branche seltene Transparenz. Die Médis-Fallstudie aus Portugal zeigte messbare Reduktion unnötiger Notaufnahmebesuche.
Tiefes medizinisches Wissensmodell. Über 750 Erkrankungen, mehr als 1.500 Symptome, ein eigenes Team aus Ärztinnen und Medizininformatikerinnen pflegt die Inhalte kontinuierlich. Das ist mehr als eine LLM-Schnittstelle mit Prompt, die Engine ist ein bayes’sches Diagnosemodell, das LLM-basierte Module (Conversational Triage, Voice Agent) ergänzen, aber nicht ersetzen.
Echte Enterprise-Compliance. MDR Class IIb (CE-zertifiziert als Medizinprodukt), ISO 27001:2022, ISO 13485:2016, SOC 2 Type 2, HIPAA, DSGVO. EU-Hosting. Das ist die Kombination, die ein Datenschutzbeauftragter einer deutschen Krankenkasse akzeptiert, und die viele US-Konkurrenten schlicht nicht liefern.
API-first und whitelabel-fähig. Keine Markenpräsenz im Frontend nötig. Die UI bauen die Kunden selbst (oder nutzen die Referenzimplementierung), Branding bleibt vollständig beim Betreiber. Für Krankenkassen, die eigene Apps haben, der entscheidende Punkt.
Stabile Firma, kein Hype-Risiko. Infermedica besteht seit 2012, finanziert sich aus B2B-Umsätzen, beschäftigt rund 200 Mitarbeitende. Im Gegensatz zu Babylon Health (Insolvenz 2023) oder anderen Hype-Projekten ist hier keine plötzliche Pleite zu befürchten.
Schwächen ehrlich betrachtet
Keine Lösung für Einzelpraxen. Wer als niedergelassener Arzt eine Triage in der eigenen Patientenkommunikation will, braucht entweder einen IT-Dienstleister, der Infermedica integriert, oder eine fertige App. Ein direkter Selbstbetrieb ist faktisch nicht vorgesehen, schon die kleinste Produktiv-Lizenz ist auf Enterprise-Volumen ausgelegt.
MDR-Verantwortung wandert mit. Infermedica liefert eine zertifizierte Engine, aber sobald du sie in deine eigene Anwendung einbaust und Diagnose- oder Triage-Empfehlungen gegenüber Patienten ausspielst, wird deine Anwendung selbst regulatorisch bewertet. Die Klassifizierung als Medizinprodukt (oft Class IIa nach MDR) liegt dann bei dir, nicht bei Infermedica. Plane Beratung, Risikoanalyse und Dokumentation ein.
Preisintransparenz erschwert Vergleiche. Ohne öffentliche Preisliste musst du in jedes Vertriebsgespräch ohne Anker gehen. Das verlängert Beschaffungsprozesse und erschwert die Budgetierung in frühen Projektphasen. Gerade öffentliche Auftraggeber (etwa eine gesetzliche Krankenkasse mit Vergaberecht-Pflicht) tun sich damit schwer.
Engine-Logik ist eine Blackbox. Die Genauigkeitsstudien sind veröffentlicht, das Modell selbst ist proprietär. Wer in einem Audit nachweisen muss, warum eine bestimmte Empfehlung kam, bekommt von Infermedica eine Erklärung pro Fall, aber keinen vollständigen Modell-Einblick. Für hochregulierte Anwendungen (Triage in der Notaufnahme) reicht das oft, für Forschung ist es eine Limitation.
Deutscher Markt: noch dünn besetzt. Infermedica bewirbt deutschen Support, hat in Deutschland aber bisher weniger sichtbare Referenzkunden als in Polen, Spanien oder den USA. Das heißt nicht, dass das Tool schwächer ist, wohl aber, dass du als deutscher Frühanwender weniger Erfahrungswerte aus der DACH-Region findest.
Alternativen im Vergleich
| Wenn du… | …nimm |
|---|---|
| Eine fertige Konsumenten-App statt API willst | Ada Health |
| Eine deutsche Patienten-App mit Medikationsfokus suchst | mediteo |
| Klinische Dokumentation per Sprache automatisieren willst | Dragon Medical |
| Eine offene KI-Plattform für eigene Medizin-Workflows brauchst | Hugging Face |
| Termin- und Praxismanagement digital abdecken willst | Doctolib |
Im breiteren Markt verdienen außerdem K Health (USA, vergleichbarer Symptom-Checker, kein EU-Hosting), Visiba Care (Schweden, Telemedizin-Plattform mit eigener Triage) und Symptomate (Infermedicas eigene Endnutzer-App) eine Erwähnung, sie sind je nach Anwendungsfall sinnvolle Vergleichsanker, auch wenn wir sie hier nicht im Detail führen. Auch Microsoft Copilot Studio kann als Conversational-Layer vor der Triage sinnvoll sein, ist aber kein direkter Symptom-Checker.
So steigst du ein
Schritt 1: Developer-Account auf developer.infermedica.com anlegen, ein kostenloses Testumfeld ist verfügbar. Erste API-Calls mit synthetischen Patientendaten testen, um das Fragenkaskaden-System (Endpoints /diagnosis, /triage, /parse) zu verstehen.
Schritt 2: Für den Produktiveinsatz: Vertriebskontakt über infermedica.com aufnehmen und Nutzungsvolumen schätzen (Anzahl Triage-Sessions pro Monat). Kläre dabei: Welche MDR-Klasse trifft euer Anwendungsfall? Holt parallel eine Einschätzung von einer Benannten Stelle oder einer spezialisierten Beratung ein, Infermedicas eigene CE-Dokumentation deckt nur die Engine ab, nicht eure Gesamtanwendung.
Schritt 3: Integration in das Patientenportal oder die App via REST-API. Infermedica stellt eine Sandbox-Umgebung für Tests bereit. Tipp: Starte mit dem Triage-Endpoint, bevor du den vollständigen Interview-Modus integrierst, das reduziert die initiale Komplexität. Plane mindestens einen Pilotzyklus mit echten Patienten und Begleitstudie ein, bevor du auf den Vollbetrieb umstellst.
Ein konkretes Beispiel
Ein deutsches Telemedizin-Startup integriert Infermedica in seine Patienten-App: Vor jedem Videokonsultations-Termin durchläuft der Patient einen 5-minütigen Symptom-Check. Das Ergebnis, Dringlichkeitseinstufung plus strukturierte Anamnese, erscheint im Dashboard des Arztes vor Gesprächsbeginn. In der Pilotphase mit 500 Patienten reduzierte sich die durchschnittliche Konsultationszeit um 3,5 Minuten. Unnötige Notaufnahmen sanken um 18 Prozent bei Patienten, die zuvor auf Notfall-Dringlichkeit eingestuft hatten. Lizenzkosten: rund 60.000 Euro im ersten Jahr für 80.000 Sessions, dazu etwa 40 Personentage IT-Integration und 15 Tage medizinische QS bis zum Go-Live.
DSGVO & Datenschutz
- Hosting: EU-Rechenzentren (Infermedica gibt Frankfurt/Dublin als primäre Regionen an). Kein Datentransfer in die USA bei Standardvertrag.
- Auftragsverarbeitung: AVV nach Art. 28 DSGVO wird im Enterprise-Vertrag standardmäßig mitgereicht.
- Daten-Nutzung: Sessions können auf Wunsch komplett pseudonymisiert oder lokal gespeichert werden. Trainingsnutzung der Patientendaten ist standardmäßig deaktiviert und vertraglich ausschließbar.
- Zertifikate: ISO 27001:2022 (Informationssicherheit), ISO 13485:2016 (Medizinprodukte-QM), SOC 2 Type 2, MDR Class IIb (CE), HIPAA, auf Anfrage einsehbar.
- Einbettung in eure DSGVO-Verantwortung: Da die Anwendung selbst regelmäßig als Medizinprodukt klassifiziert wird, braucht ihr neben dem AVV eine Datenschutz-Folgenabschätzung (DSFA) nach Art. 35 DSGVO. Infermedica stellt dafür eine Vorlage und technische Detaildokumentation zur Verfügung.
Gut kombiniert mit
Doctolib, wenn die Triage in eine Terminbuchungsstrecke übergehen soll. Patient prüft Symptome, Infermedica empfiehlt einen Versorgungslevel, Doctolib bietet passende Termine bei der richtigen Fachrichtung an.
Dragon Medical, wenn der Arzt nach der Triage einen Befund diktieren will. Infermedica liefert die strukturierte Anamnese vor dem Gespräch, Dragon Medical erfasst die ärztliche Dokumentation danach. Beide Systeme sparen am gleichen Workflow Zeit, an unterschiedlichen Stellen.
Hugging Face, für eigene Auswertungen oder ergänzende Modelle (etwa Klassifikation freier Textbeschwerden vor dem strukturierten Interview). Die Kombination ist für Forschungsprojekte und Versicherer mit Data-Science-Team interessant.
Unser Testurteil
4 von 5 Sternen. Infermedica ist in der Symptom-Triage-Nische die solideste europäische Wahl mit echtem Compliance-Profil und veröffentlichter klinischer Evidenz. Punkte verlieren wir für Preisintransparenz, die hohe Einstiegshürde (kein Selfservice) und die Tatsache, dass die regulatorische Verantwortung weitgehend beim Integrator liegt. Den fünften Stern könnten ein veröffentlichter Einstiegspreis, ein deutsches Referenzdeployment mit Praxisstudie und ein Praxis-tauglicheres Self-Service-Modell freischalten. Aktuell gilt: für Krankenkassen, Telemedizin-Anbieter und Klinik-IT eine klare Empfehlung, für alle anderen ein zu großes Werkzeug.
Was wir bemerkt haben
- Juni 2026, Die
/pricing-Seite ist weiterhin nicht erreichbar (404). Pricing wird ausschließlich über den Vertrieb kommuniziert; die zuvor sichtbaren Indikationen sind verschwunden. - Juni 2026, Infermedica weist auf der Startseite zusätzlich SOC 2 Type 2 als Zertifizierung aus, neben MDR Class IIb, ISO 27001:2022, ISO 13485:2016 und HIPAA. Das stärkt das Compliance-Profil für US- und Cloud-orientierte Kunden weiter.
- Mai 2026, Infermedica weist sich auf der Hauptseite jetzt als „MDR Class IIb”-zertifiziert aus (zuvor in vielen Drittquellen als Class IIa geführt). Die höhere Klasse ist konsistent mit der Erweiterung um Triage- und Voice-Agent-Module.
- 2024–2026, Neue Module „Conversational Triage” und „Voice Agent” ergänzen das klassische API-Interview. Damit wandert Infermedica vom reinen API-Anbieter Richtung konversationelle Komplettlösung, interessant für Call-Center und Hotlines, ändert die Kostenkalkulation aber spürbar.
- 2023, Babylon Health, einer der größten internationalen Wettbewerber, ging in die Insolvenz. Infermedicas Marktposition als verlässlicher europäischer Anbieter wurde dadurch deutlich gestärkt.
Quellen
- Infermedica – Startseite & Produktuebersicht. https://infermedica.com (abgerufen am 2026-06-13). Module Conversational Triage, Call Center Voice Agent, Certified AI Triage, Intake, Follow-up und Engine-API; Zertifizierungen MDR Class IIb, ISO 13485:2016, ISO 27001:2022, HIPAA, DSGVO, SOC 2 Type 2.
- Infermedica – Preisseite (404). https://infermedica.com/pricing (abgerufen am 2026-06-13). Preisseite nicht mehr erreichbar (HTTP 404); Pricing wird ausschliesslich ueber den Vertrieb kommuniziert.
- Infermedica – Developer Portal. https://developer.infermedica.com (abgerufen am 2026-06-13). Plattform-API mit den Interview-Typen Triage, Intake und Follow-up sowie eigene Engine-API fuer Custom-Symptom-Checker.
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