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Wenn deine KI fremde Marken halluziniert: Warum nicht der Anbieter, sondern du der Verklagte bist

Stable Diffusion hat das Getty-Wasserzeichen identisch reproduziert. Das Londoner Urteil vom 4. November 2025 zeigt, was viele KI-Nutzer falsch verstehen: Der Copyright Shield deines Anbieters schützt dich oft nicht so, wie du denkst.

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Daniel Sonnet
· · 7 Min. Lesezeit
Wenn deine KI fremde Marken halluziniert: Warum nicht der Anbieter, sondern du der Verklagte bist

Am 4. November 2025 hat der High Court of England and Wales festgestellt: Ältere Versionen von Stable Diffusion haben bei bestimmten Prompts das iStock-Wasserzeichen identisch reproduziert. Nicht ähnlich. Identisch. Laut der Urteilsanalyse von Taylor Wessing zum Verfahren Getty Images v. Stability AI war das Wasserzeichen “identical to Getty’s word marks (even though there was some blurring)” und damit eine Verletzung von Sections 10(1) und 10(2) des britischen Trade Marks Act 1994.

Das Urteil betrifft Legacy-Versionen (Stable Diffusion v1.x, v2.x), nicht SD XL. Aber der Punkt, an dem es weh tut, ist nicht die Modellversion. Es ist die Frage, die jeder Marketingmanager nach diesem Urteil stellen sollte: Wenn meine KI eine fremde Marke ungefragt in mein Bild einbaut, wer wird verklagt? Der Anbieter? Oder der, der auf “veröffentlichen” geklickt hat?

Die unbequeme Antwort: Du.

Das deutsche Echo: LG Kiel macht Unternehmen zum “unmittelbaren Störer”

Ein deutsches Pendant hat die meisten übersehen. Am 29. Februar 2024 hat das LG Kiel im Verfahren mit dem Aktenzeichen 6 O 151/23 entschieden, dass ein Unternehmen für einen KI-generierten Falschinhalt als “unmittelbarer Störer” haftet. Auch dann, wenn der Generierungsprozess vollautomatisiert war. Auch dann, wenn niemand im Unternehmen den fraglichen Output vor Veröffentlichung gesehen hat.

Das ist die Logik, die deutsche Gerichte konsistent anwenden, sobald KI-Output das Internet erreicht: Wer veröffentlicht, haftet. Die Frage, ob der Mensch oder das Modell den Fehler produziert hat, ist juristisch egal. Was zählt, ist der Klick, der den Inhalt aus dem Sandbox-Modus in die Öffentlichkeit befördert.

Wer das verstanden hat, fragt als Nächstes: Aber gibt es nicht Copyright Shields? OpenAI, Microsoft, Adobe, Anthropic werben doch alle damit, ihre Kunden im Streitfall zu decken.

Stimmt. Nur nicht so, wie du denkst.

Vier Schwachstellen, die im Kleingedruckten stehen

Der Reflex, “ich nutze ja Microsoft Copilot, da deckt mich das Copyright Commitment”, trägt nur, wenn vier Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind. Sind sie es nicht, stehst du allein.

Erste Schwachstelle: Tiering. Der Schutz gilt nicht für jeden Account-Typ. OpenAIs Copyright Shield greift nur für ChatGPT Enterprise und Team, nicht für Free oder Plus. Anthropic deckt Indemnification laut den Anthropic-Servicebedingungen seit Januar 2024 nur für API- und Enterprise-Kunden, nicht für Claude.ai Pro. Wer die Standard-Abos nutzt, fällt aus dem Schutz heraus, bevor er ihn überhaupt brauchen könnte.

Zweite Schwachstelle: Filterpflicht. Microsoft verlangt für das Copilot Copyright Commitment, dass bestimmte Filter aktiv geschaltet sind. Laut Microsoft-Learn-Dokumentation “Customer Copyright Commitment Required Mitigations” (Stand April 2026) müssen für Text-Generierung zwei Komponenten laufen: das Modell “Protected Material Text” im Filter-Modus (nicht im Annotate-Modus) und Prompt Shield ebenfalls im Filter-Modus. Beide Anforderungen sind seit dem 1. Dezember 2023 Pflicht. Wer die Filter abschaltet, weil sie zu viele False Positives produzieren, verliert den Schutz im selben Moment.

Dritte Schwachstelle: Deckelung. Adobe Firefly indemnifiziert laut den Adobe Generative AI Product Specific Terms (Juni 2025) maximal 10.000 US-Dollar pro Anspruch. Bei einer Marken- oder Urheberrechtsverletzung in einer Kampagne, die deutschlandweit ausgespielt wurde, ist das die Größenordnung, in der die Anwaltsrechnung beginnt, nicht in der das Risiko endet. Steht nicht im Marketing. Steht in den Enterprise Legal FAQs.

Vierte Schwachstelle: Einstweilige Verfügung. Copyright Shields decken Schadensersatz ab. Sie decken nicht den Verfügungsschaden, der entsteht, wenn ein Gericht dir per einstweiliger Verfügung die Veröffentlichung sofort untersagt. Wenn deine Kampagne am Donnerstag startet und am Montag eine Verfügung kommt, ist die Frage, wer in zwei Jahren den Hauptsacheschaden zahlt, zweitrangig. Erstrangig ist, dass die Kampagne jetzt aus ist.

Die Welle, die 2026 ankommt

Wer die Schadenslandkarte für 2026 zeichnen will, schaut auf drei Punkte.

Erstens: Der EU AI Act, Artikel 50, tritt für Deployer am 2. August 2026 in Kraft. KI-generierter Content muss dann maschinenlesbar als KI-Content markiert sein. “Deployer” heißt im AI-Act-Vokabular: jedes Unternehmen, das KI-Output veröffentlicht. Die Nachweispflicht trägt nicht der Modell-Anbieter. Sie trägt der, der den Output in eine Anzeige, einen Newsletter oder ein Produktbild gegossen hat.

Zweitens: Die US-Klagen gegen Bildmodelle laufen bereits. Disney und NBCUniversal haben Midjourney im Juni 2025 wegen “Style Mimicry” verklagt, Warner Bros. ist im September 2025 nachgezogen. Die Klagen zielen auf das Modell, aber die Beweisführung produziert für jede einzelne reproduzierte Figur ein Indiz. Indizien, die in einem zweiten Schritt gegen Unternehmen verwendet werden können, die genau diesen Output veröffentlicht haben.

Drittens: Das LG München I hat am 11. November 2025 im Verfahren mit dem Aktenzeichen 42 O 14139/24 entschieden, dass das dauerhafte Memorisieren urheberrechtlich geschützter Texte nicht unter die Text-und-Data-Mining-Schranke fällt. Übersetzt: Wenn ein Modell Trainingsmaterial wörtlich reproduziert, kann sich der Anbieter nicht mehr auf die TDM-Ausnahme berufen. Das Risiko, dass diese wörtliche Reproduktion in deinen Output rutscht, ist nicht hypothetisch. Im Getty-Verfahren ist genau das passiert.

Das Gegenargument, ehrlich genommen

Ein fairer Einwand lautet: Microsoft Copilot Copyright Commitment deckt seit dem 1. Oktober 2023 automatisch alle kommerziellen Copilot-Kunden, inklusive Trademark-Ansprüche. Adobe schreibt Indemnification in den Standard-Vertrag. OpenAI und Anthropic decken im Enterprise-Tier. Für viele Anwendungsfälle ist das real und ausreichend.

Stimmt für drei von zehn Fällen. Bricht in den anderen sieben an einer der vier Schwachstellen oben.

Wer den Schutz aktiv prüfen will, fragt nicht “Habe ich Copyright Shield?”, sondern: Welcher Account-Tier? Welche Filter sind aktiv? In welchem Modus laufen sie? Welcher Höchstbetrag steht in den Vertragsbedingungen? Und: Was passiert mit meiner Kampagne, wenn morgen eine einstweilige Verfügung kommt?

Wer auf die ersten vier Fragen keine Antwort hat, ist nicht geschützt. Ohne Plan für die fünfte Frage bleibt das eigentliche Risiko unverstanden.

Das Insider-Detail, das den Unterschied macht

Microsoft hat seit dem 21. Mai 2024 die Async-Filter-Verschärfung in Kraft. Wer den asynchronen Filter-Modus nutzt — also Output erst generieren lässt und nachträglich filtert — ist nicht mehr gedeckt, sobald der Output später als Protected Material geflaggt wird. Der Unterschied zwischen synchronem und asynchronem Filter ist eine technische Konfigurationsfrage, die in der Regel von der Plattform-Admin entschieden wird. Nicht vom Marketingteam, das den Output später veröffentlicht.

Wer im November 2025 ein Bild für eine Kampagne generiert hat, dessen Filter-Modus nicht von vornherein synchron eingestellt war, kann sich nicht mehr auf den Schutz berufen, wenn das Bild im April 2026 als Reproduktion eines geschützten Werks erkannt wird. Der zeitliche Versatz zwischen Generierung und Erkennung läuft in genau diesem Fall gegen dich.

Diese Detailfrage taucht in keinem Anbieter-Marketing auf. Sie steht in der Microsoft-Learn-Dokumentation zum Customer Copyright Commitment, aktualisiert im April 2026. Wer sich darauf verlässt, ohne den Filter-Modus seines Tenants zu kennen, verlässt sich auf eine Garantie, deren Bedingungen er nicht erfüllt.

Was du diese Woche tun solltest

Drei konkrete Schritte, in der Reihenfolge, in der sie sich auszahlen.

Erstens: Prüfe deinen Account-Tier und die Filter-Einstellung. Bei Microsoft Copilot heißt das: Laufen Protected Material Text sowie Prompt Shield im Filter-Modus? Bei OpenAI: Bist du auf Enterprise oder Team? Bei Adobe: Reicht die 10.000-Dollar-Cap für deinen Worst Case? Wenn du die Antwort nicht in fünf Minuten findest, ist das selbst die Antwort.

Zweitens: Etabliere einen Pre-Publish-Check für KI-generierte visuelle Inhalte. Eine Reverse-Image-Search auf TinEye oder Google Bilder, bevor das Bild ausgespielt wird, kostet 30 Sekunden und fängt 80 Prozent der offensichtlichen Reproduktionen ab. Bei Texten reicht ein Plagiats-Check für die Schlüsselformulierungen. Das ersetzt keine juristische Prüfung, aber es ist die Grenze zwischen “wir hatten keine Indizien” und “wir hätten es wissen müssen”.

Drittens: Bereite dich auf den 2. August 2026 vor. Ab diesem Datum brauchst du einen Prozess, der KI-generierte Inhalte maschinenlesbar markiert. Wer die Risikoklassen-Logik des EU AI Act im Hinterkopf hat, weiß: Die Bußgelder treffen Deployer, nicht nur Anbieter.

Die Frage “wem gehört KI-Content” hat eine ganze Industrie an juristischer Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Wer sich nur dafür interessiert, übersieht die Frage, die in der Praxis 2026 wichtiger wird: Wer haftet, wenn die KI ungefragt fremde Marken reproduziert? Eine Antwort liefert auch der Überblick zu KI und Urheberrecht, eine zweite die Übersicht der Rechtsthemen 2026.

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Das Getty-Urteil ist nicht der Endpunkt. Es ist der erste öffentliche Beleg dafür, dass Modelle das tun, was Anbieter jahrelang ausgeschlossen haben. Der nächste Beleg kommt nicht aus London. Er kommt aus einer einstweiligen Verfügung in Hamburg, München oder Köln, gegen ein Unternehmen, das auf Copyright Shield vertraut hat, ohne den Filter-Modus zu kennen.

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