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Suno und Udio bedrohen keine Künstler — sie löschen den Mittelstand der Musikindustrie

Die Debatte 'ist das noch Kunst?' verschleiert den eigentlichen Umbruch. KI-Musik trifft nicht Billie Eilish, sondern Library-Komponisten, Werbeproduzenten und Stock-Audio. Und die Major-Klagen schützen Trainingsdaten-Monopole, nicht Kreative.

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Daniel Sonnet
· · 7 Min. Lesezeit
Suno und Udio bedrohen keine Künstler — sie löschen den Mittelstand der Musikindustrie

44 Prozent aller Tracks, die im April 2026 täglich auf Deezer hochgeladen wurden, waren vollständig KI-generiert. Rund 75.000 Stück pro Tag. Vor einem Jahr lag dieselbe Zahl bei 18 Prozent. Das ist laut Deezer-eigenen Daten vom April 2026 keine schleichende Verschiebung mehr, sondern eine Verdopplung in zwölf Monaten.

Die Debatte, die in deutschen Feuilletons darüber geführt wird, lautet trotzdem weiter: “Ist das noch Kunst?” Das ist die falsche Frage. Sie verschleiert, was Suno und Udio tatsächlich gerade tun. Sie bedrohen keine Künstler. Sie löschen einen ganzen Mittelstand der Musikindustrie, der nie auf einer Bühne stand.

Wer wirklich verschwindet, hat keinen Pressesprecher

Laut der CISAC/PMP-Strategy-Studie vom Dezember 2024 ersetzt KI-generierte Musik bis 2028 rund 60 Prozent der Umsätze von Musikbibliotheken. Das ist der höchste Substitutionswert aller Musikmarktsegmente. Höher als Streaming, höher als Konzertsoftware, höher als alles, was sonst gerade an der Musikindustrie zerrt. Musikschaffende verlieren laut derselben Studie bis 2028 kumuliert 10 Milliarden Euro. Der KI-Musikmarkt wächst im selben Zeitraum von rund 3 Milliarden auf 64 Milliarden Euro.

Diese Verluste konzentrieren sich auf eine bestimmte Gruppe: Komponisten für Werbespots, Library-Musiker, Stock-Audio-Produzenten, Sound-Designer für YouTube-Hintergrundmusik. Menschen, deren Tracks niemand auf Spotify sucht, die aber bislang in jeder Sparkassen-Werbung, jedem Erklärvideo und jeder Hotel-Lobby liefen. Das ist der Mittelstand der Musikindustrie. Und er ist genau das Segment, das Suno und Udio mit zwei Klicks ersetzen.

Das Problem für diese Gruppe: Sie hat keine Lobby. Keinen offenen Brief in der New York Times. Kein Management, das einen Anwalt schickt. Wenn ein Werbeagentur-Kunde bisher 800 Euro für einen 30-Sekünder Library-Track bezahlt hat und ihn jetzt für 0 Euro mit Suno generiert, taucht das in keiner Statistik auf, in keiner Schlagzeile und in keiner Pressekonferenz.

Was bei Epidemic Sound gerade passiert

Wer wissen will, wie sich diese Verschiebung in Bilanzen niederschlägt, schaut nach Stockholm. Epidemic Sound ist der größte Anbieter lizenzfreier Musik für Creator und Werbeproduktion — 2024 erzielte das Unternehmen 192,2 Millionen Dollar Umsatz, ein Plus von 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gleichzeitig: ein Nettoverlust von 30,6 Millionen Dollar.

Wachstum oben, rote Zahlen unten. Das Management war ungewöhnlich offen darüber, warum: “Das Aufkommen neuer KI-Musiktools stellt eine ernste Herausforderung dar.” Die Reaktion war ein eigenes Feature namens AI-Adapt sowie ein 1-Million-Dollar-Bonuspool für die Künstler, die ihre Plattform speist.

Der globale Stock-Music-Markt lag 2024 bei 1,46 Milliarden Dollar. Wenn 60 Prozent davon bis 2028 substituiert werden, verschwindet rund eine Milliarde Dollar Umsatz aus einem Segment, das bislang Tausende Komponisten ernährt hat. Das ist die Zahl, die in den “ist das noch Kunst?”-Debatten nie auftaucht.

Die Major-Klagen schützen nicht, was du denkst

Im Juni 2024 verklagten die Major Labels Sony, Universal und Warner über die RIAA Suno und Udio. Die Klage liest sich auf den ersten Blick wie ein Schutzschirm für Künstler. Auf den zweiten Blick ist sie etwas anderes.

In der RIAA-Klage gegen Suno vom 24. Juni 2024 vor dem U.S. District Court Massachusetts beweisen die Kläger Trainingsdaten-Diebstahl mit einem konkreten Test: Sie gaben Suno die vollständigen Lyrics von Chuck Berrys “Johnny B. Goode” ein, kombiniert mit dem Prompt “1950s rock and roll, rhythm & blues, 12 bar blues, rockabilly, energetic male vocalist”. Das Ergebnis trug den Titel “Deep Down in Louisiana Close to New Orle”. Die Melodie war laut Klageschrift “in den ersten zwei Zeilen nahezu identisch mit dem Original”.

Was hier verhandelt wird, ist nicht primär die Existenz der KI-Musikgeneratoren. Was verhandelt wird, sind die Lizenzkonditionen, zu denen sie Trainingsdaten von Major-Katalogen nutzen dürfen. Wenn die Klage erfolgreich ist, muss Suno bezahlen. An wen? An Sony, Universal und Warner. Nicht an den Library-Komponisten, dessen Werbespot-Auftrag vorgestern an Udio verlorenging.

Eine erfolgreiche Major-Klage zementiert die Position der Major Labels als Lizenz-Zwischenhändler für KI-Trainingsdaten. Suno und Udio bleiben am Markt, zahlen Lizenzgebühren an die drei großen Häuser, und der Mittelstand verliert trotzdem seine Aufträge. Schlimmer noch: Wenn Trainingsdaten teuer werden, gewinnen genau die Player, die sich Lizenzdeals leisten können. Also OpenAI, Google und perspektivisch die Majors selbst. Der unabhängige KI-Musikgenerator stirbt. Der bezahlte Library-Komponist ist trotzdem weg.

Der Künstlerbrief von 2024 zielt am Problem vorbei

Im April 2024 unterzeichneten über 200 Künstler einen offenen Brief der Artist Rights Alliance: Billie Eilish, Finneas, Nicki Minaj, Stevie Wonder, Katy Perry, Pearl Jam. Die Forderung: Stoppt den “räuberischen Einsatz von KI”, der Stimmen und Likenesses stiehlt.

Der Brief hat ein echtes Anliegen. Aber er beschreibt ein anderes Problem als das, was die Marktzahlen zeigen. Billie Eilish wird nicht durch Suno-Tracks substituiert. Stevie Wonder verliert keinen Plattenvertrag, weil Udio existiert. Diese Künstler haben kulturelle Einzigartigkeit, die strukturell nicht ersetzbar ist. Was ihr Brief tatsächlich schützt, sind Trademark-Interessen: ihre Stimme, ihr Name, ihr Likeness. Berechtigt, aber ein anderer Schauplatz.

Die Gruppe, die bis 2028 zehn Milliarden Euro verliert, hat den Brief nicht unterschrieben. Sie konnte ihn nicht unterschreiben. Sie ist namenlos, sie hat kein Management, sie macht Library-Tracks für 80 Euro pro Stück. Wenn die öffentliche Debatte ausschließlich von A-List-Künstlern geführt wird, deren Marktexistenz nicht bedroht ist, bleibt die Lobby-Asymmetrie bestehen, die das Problem überhaupt erst unsichtbar macht.

Was sich ab August 2026 ändert, und was nicht

Ab August 2026 greifen die GPAI-Transparenzpflichten des EU AI Acts. Anbieter von KI-Basismodellen müssen öffentlich offenlegen, welche Trainingsdaten sie genutzt haben. Die EU-Kommission hat am 24. Juli 2025 das verbindliche Template dafür veröffentlicht. Das ist die erste regulatorische Vorgabe, die KI-Musikgeneratoren strukturell zu Lizenzverhandlungen zwingen könnte.

Was diese Transparenzpflicht tut: Sie macht es schwer, sich auf “wir wissen auch nicht, was im Trainingsset war” zurückzuziehen. Wer einen Suno-ähnlichen Dienst in der EU anbietet, muss erklären, ob darin Major-Kataloge stecken. Das ist die Grundlage, auf der retroaktive Lizenzforderungen entstehen — und perspektivisch ein struktureller Lizenzzwang für alle KI-Musikgeneratoren.

Was diese Transparenzpflicht nicht tut: Sie löst nicht das Verteilungsproblem. Spotify hat bereits seit April 2024 eine Mindestgrenze von 1.000 Streams pro Track für Royalty-Auszahlungen eingeführt. Das trifft Massenupload-Strategien, auch KI-generierte. Aber es trifft genauso die menschlichen Library-Komponisten, deren Tracks nie viral gehen. Die Maßnahmen, die KI-Müll bekämpfen sollen, treffen den Mittelstand mit.

Wenn Lizenzgebühren ab 2027 strukturell an Major-Kataloge fließen, gewinnen die Major Labels ein zweites Mal. Erst durch Streaming-Konsolidierung, jetzt durch KI-Trainingsdaten-Lizenzen. Die Werbeagentur-Komponistin in Hamburg, die seit 15 Jahren Library-Tracks für deutsche Sparkassen produziert, sieht von beidem nichts.

Was deutsche Entscheider daraus mitnehmen sollten

Drei Dinge.

Erstens: Wer als Werbeagentur, Filmproduktion oder Corporate-Comms-Abteilung Library-Musik einkauft, sollte verstehen, dass die Preisstruktur dieses Markts gerade kollabiert. Das ist eine Chance für Budgets und ein Risiko für die Kreativ-Pipelines, an die du gewöhnt warst. Die Personalisierung und kreative Produktion in der Werbung verschiebt sich strukturell, nicht nur graduell.

Zweitens: Die “ist das noch Kunst?”-Frage ist eine Distraktion. Wer eine ernsthafte Position zur KI-Kreativwirtschaft entwickeln will, muss bei den Marktverlierern anfangen, die keine Pressekonferenzen geben. Eine differenziertere Annäherung an dieses Verhältnis findest du in unserem Artikel zu KI und Kreativität als Partner oder Konkurrent.

Drittens: Die regulatorische Dynamik bis August 2026 entscheidet, ob Major Labels als Trainingsdaten-Monopolisten zementiert werden oder ob ein offeneres Lizenzregime entsteht. Wer hier passiv zuschaut, überlässt die Verteilungsfrage denselben drei Häusern, die schon den Streaming-Markt dominieren.

Wer Marktverschiebungen in der Kreativwirtschaft nicht erst aus den Schlagzeilen erfahren will, findet im KI-Syndikat Newsletter regelmäßig Analysen, die Strukturveränderungen statt Schlagworten in den Mittelpunkt stellen.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob ein Suno-Track Kunst ist. Die Frage ist, wer in fünf Jahren noch davon leben kann, Werbemusik zu komponieren. Und ob diese Person dieselbe ist, deren Stimme Billie Eilish in ihrem offenen Brief verteidigt hat.

Sie ist es nicht.

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