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KI im Executive Coaching: Wenn der Coach KI nutzt und der Coachee plötzlich nicht mehr darf

Eine PLoS-One-Studie zeigt: KI-Coaching erreicht denselben Effekt wie menschliches Coaching. Trotzdem werden CEOs nicht zu KI-Coaches wechseln. Der Grund hat nichts mit Empathie zu tun, sondern mit der Architektur der Logfiles.

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Daniel Sonnet
· · 6 Min. Lesezeit
KI im Executive Coaching: Wenn der Coach KI nutzt und der Coachee plötzlich nicht mehr darf

327 Führungskräfte, zehn Monate, randomisierte Kontrollgruppe. Die Studie von Terblanche, Molyn, de Haan und Nilsson, 2022 in PLoS One veröffentlicht, hat das beantwortet, was die Coaching-Branche jahrelang nicht messen wollte: Beim Erreichen konkreter Karriereziele liefert ein KI-Coach denselben Effekt wie ein menschlicher. Effektstärke beim Menschen ηp²=.265, beim KI-Coach ηp²=.269. Die Differenz liegt im Rauschen.

Wenn das stimmt, sollte das Top-Segment in Auflösung sein. Es ist es nicht. Und der Grund dafür ist nicht Empathie. Es sind Logfiles.

Was die Studie wirklich misst, und was nicht

Die PLoS-One-Studie ist methodisch sauber. Sie hat aber einen Rahmen, den die Marketing-Pressemitteilungen der KI-Coaching-Anbieter selten erwähnen: Gemessen wurde goal attainment. Also die Frage, ob ein Coachee ein selbst gesetztes Karriereziel innerhalb von zehn Monaten erreicht. Die Autoren selbst schreiben in ihrem Fazit, dass “AI’s lack of empathy and emotional intelligence” menschliche Coaches in anderen Dimensionen unersetzbar macht.

Eine Analyse des Conference Board vom Oktober 2025, verfasst von Allan Schweyer, beziffert den Anteil, den KI heute übernehmen kann, auf bis zu 90 Prozent der täglichen Coaching-Funktionen. Versagen tut sie laut derselben Analyse bei “emotionally charged, political, or values-based discussions”.

Das klingt nach dem klassischen Empathie-Argument: Maschinen können kein echtes Mitgefühl, also bleibt der Mensch oben. Diese Erklärung ist beliebt, weil sie schmeichelhaft ist. Sie ist aber zweitrangig.

Der eigentliche Wert von Executive Coaching war nie der Rat

Wofür zahlt ein Vorstand 800 Euro pro Stunde? Nicht für Goal Attainment. Auch nicht für eine besonders feine Frage zur richtigen Zeit. Er zahlt für einen Raum, in dem er Dinge sagen kann, die er sonst nirgendwo sagen kann. Über den CFO. Über die Aufsichtsratsvorsitzende. Über die eigene Erschöpfung. Über die fehlgeschlagene Akquisition, deren Scheitern noch nicht öffentlich ist.

Dieser Raum ist nicht durch das Honorar geschützt. Er ist durch eine soziale Architektur geschützt. Der Coach hat eine eigene Reputation, ein eigenes Netzwerk, oft selbst Vorstandserfahrung. Indiskretion würde sein Geschäftsmodell beenden. Es gibt kein Protokoll. Keine Aufzeichnung. Notizen sind handschriftlich oder gar nicht.

Das ist der Wert. Nicht der Rat, sondern der nicht-protokollierte Raum.

Und genau hier liegt das Problem der KI-Coaches.

Was im Kleingedruckten von CoachHub steht

CoachHubs KI-Coach AIMY loggt laut den eigenen Datenschutzbestimmungen “all inputs and outputs of the AI Chat Bot AIMY including where applicable voice inputs, transcripts and/or text messages” plus Coachee-ID und IP-Adresse. Nutzungszweck: Verbesserung der Services, Information von “product strategy and commercial decisions”. BetterUp ist die Ausnahme, deren AGB Sessions vertraglich vom Modelltraining ausnehmen.

Das liegt in der Architektur. Eine KI braucht Logs zum Trainieren, zur Qualitätssicherung, zur Compliance, zur Produktentwicklung. Das Logfile ist das Betriebssystem. Kein Fehler, der sich beheben lässt.

Jetzt die deutsche Rechtslage dazu: Coaching-Notizen unterliegen keiner gesetzlichen Verschwiegenheitspflicht. Sie fallen nicht unter §43a BRAO wie bei Anwälten und nicht unter §203 StGB wie bei Ärzten. Es gibt kein Zeugnisverweigerungsrecht nach §53 StPO. Coaching-Daten können beschlagnahmt werden. Im Streitfall, in der Compliance-Untersuchung, im Kartellverfahren.

Der menschliche Coach hat in der Praxis trotzdem nichts schriftlich. Bei der KI ist alles schriftlich. Mit Timestamp. Mit User-ID. Mit IP.

Wenn du Vorstand eines DAX-Unternehmens bist und über einen möglichen Aktienverkauf, eine geplante Entlassungswelle oder eine kartellrechtlich heikle Übernahme sprechen willst, ist die operative Frage nicht, ob die KI dich versteht. Sie ist, wer in fünf Jahren das Logfile lesen wird.

Die Demokratisierung im mittleren Management ist kein Widerspruch

KI-Coaching demokratisiert, und die Zahlen lassen daran keinen Zweifel. DBS Bank in Singapur hat im Juli 2025 mit Marshall Goldsmith “iCoach” gestartet, ausdrücklich, um Coaching von der C-Suite auf alle Mitarbeitenden auszurollen. BetterUp hat im Januar 2025 “BetterUp AI Coaching” für das Mittelmanagement gestartet — bewertet 2021 mit 4,7 Milliarden Dollar. Mercer beziffert in den Global Talent Trends 2026 (n=12.000), dass 65 Prozent der Unternehmen bis 2028 elf bis 30 Prozent ihrer Belegschaft mit digitalen Tools versorgen wollen. Statt teurem externen Coaching.

Das ist real. Und es widerspricht der These nicht. Im Gegenteil.

Der Markt zerbricht in zwei Hälften, und beide Hälften lassen sich gleichzeitig erklären. Im mittleren Management war Coaching nie wirklich vertraulich, weil Mitarbeitende dort selten Inhalte besprechen, deren Schriftlichkeit sie ruinieren würde. Karriereplanung, Konfliktklärung, Führungsentwicklung. Das alles funktioniert mit KI fast genauso gut, und zwar zu zehn Prozent der Kosten. Der Druck auf das mittlere Coaching-Segment ist real, und die Kommodifizierung läuft schon.

Im Top-Segment liegt der Wert woanders. Nicht in der Wirksamkeit, sondern in der Nicht-Aufzeichnung. Genau diese Eigenschaft kann ein KI-System nicht liefern, weil sie der Logik seiner Architektur widerspricht.

Marshall Goldsmith hat die Linie selbst gezogen

Der vielleicht bekannteste Executive Coach der Welt hat das Paradox vorgeführt. Goldsmith arbeitet seit Jahren an “MarshallBot”, seinem KI-Zwilling, ursprünglich gedacht für 80 Prozent der Standardanfragen. Sein Fazit später: Der Bot beantworte 100 Prozent der Fragen, und besser als er selbst.

2025 dann die Partnerschaft mit DBS Bank für iCoach. Skalieren auf alle Mitarbeitenden. Die Ironie: Der Mann, dessen Marktwert sich über Jahrzehnte aus dem vertraulichen Zugang zu CEOs aufgebaut hat, hat seinen eigenen KI-Twin für die Massendistribution freigegeben. Er hat damit selbst die Linie gezogen, die in der Branche niemand sonst so klar markiert. Goldsmith persönlich für die C-Suite. MarshallBot für alle anderen.

Das ist keine Bescheidenheit, das ist Geschäftsmodell. Was sich digitalisieren lässt, wird digitalisiert. Was nicht digitalisierbar ist, behält den Premium-Preis. Und nicht digitalisierbar ist nicht Empathie, sondern Vertraulichkeit.

Was das für dich heißt, je nachdem wo du sitzt

Wenn du Personalverantwortung im Mittelmanagement-Bereich hast, ist die Rechnung 2026 schon klar. KI-Coaching auf Basis von BetterUp oder CoachHub liefert für Karriereziele und Führungsentwicklung Effekte, die in der bisherigen Forschung nicht von menschlichem Coaching unterscheidbar sind. Zu einem Bruchteil der Kosten.

Wenn du selbst auf C-Level sitzt, ist die Frage anders. Du wirst nicht zum KI-Coach wechseln, weil das, was du im Coaching wirklich brauchst, nichts mit Effektivität zu tun hat. Sondern damit, dass du irgendwo auf der Welt sitzen kannst, bei dem das Gesagte nicht in einem Datacenter steht, das im Streitfall durchsuchbar ist.

Für Coaches im oberen Segment ist das die einzige wirklich gute Nachricht: Das Geschäftsmodell hält — nicht wegen Empathie oder Modellqualität, sondern wegen einer Eigenschaft, die KI-Anbieter nicht bauen können, ohne ihre eigene Architektur zu zerstören. Mandate im mittleren Markt gehen verloren. Im Top-Segment bleiben sie strukturell.

Der Witz an der ganzen Geschichte: Die Studie, die zeigt, dass KI menschliches Coaching ersetzen kann, beweist gleichzeitig, warum sie es im Top-Segment nicht tun wird. Goal Attainment ist messbar. Vertraulichkeit ist eine Architektur-Frage. Und Architekturen lassen sich nicht durch ein Modellupdate ändern.


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