In unserem Verzeichnis stehen 1.677 KI-Tools. Genau 34 davon sind quelloffen UND in der EU oder Deutschland gehostet, beides zugleich. Das sind 2,0 Prozent. Über die anderen 98 Prozent redet niemand, wenn er “europäische KI-Souveränität” sagt.
Die Souveränitätsdebatte läuft gerade auf Hochtouren. Der EU AI Act greift ab dem 2. August 2026 für Hochrisiko-Anbieter, die EU-Kommission bewirbt ihren “Digital Omnibus”, Mistral sammelt Kapital ein, EuroHPC baut AI Factories. Die Rhetorik ist eindeutig: Europa will unabhängig werden. Meine These ist ebenso eindeutig, und sie ist unbequem. Der Werkzeugkasten, mit dem man diese Unabhängigkeit tatsächlich bauen könnte, ist heute schon da, aber er ist winzig, technisch und für die meisten Büros unbrauchbar.
Was “wirklich souverän” bei uns bedeutet
Bevor ich eine einzige Prozentzahl verteidige, muss die Grundgesamtheit auf dem Tisch liegen. Sonst ist jede Zahl Deko.
Souverän heißt in dieser Auswertung zweierlei zugleich. Erstens quelloffen: Das Tool trägt im Frontmatter das Feld costs: open-source, du kannst also in den Code schauen und ihn prüfen. Zweitens EU- oder Deutschland-gehostet: Das Feld dataHosting steht auf de oder eu, die Daten fließen also nicht in ein Drittland ab. Erst wenn beides gilt, ist ein Tool quelloffen, prüfbar und ohne Datenabfluss ins Ausland. Erst dann ist es im engen Sinne unabhängig.
Stand Juli 2026 sieht der Bestand so aus:
- Quelloffen insgesamt: 69 von 1.677 Tools.
- In der EU oder Deutschland gehostet: 986 Tools (285 in Deutschland, 701 in der EU).
- Beides zugleich, die eigentliche Schnittmenge: 34 Tools.
34 von 1.677 sind 2,0 Prozent. Zum Kontrast, aus demselben Bestand: 455 Tools hosten in den USA, 165 global, 67 hybrid. Die 34 sind also kein knapper Vorsprung, sondern ein Randphänomen. Diese Kreuzung aus Lizenz und Hosting pflegt kein anderes deutschsprachiges Verzeichnis über tausend Einträge hinweg. Sie entsteht nur, weil wir beide Felder bei jedem Eintrag von Hand füllen.
Eine Einschränkung, die ich nicht verstecke. “Quelloffen” ist hier exakt das Feld costs: open-source, kein separates OSI-Siegel. Manche Tools erwähnen “open source” im Fließtext, ohne dieses Feld zu tragen, die zähle ich bewusst nicht mit, um konsistent zu bleiben. Und n8n läuft im Kern unter einer Fair-Code-Lizenz, nicht unter klassischem OSI-Open-Source. Ich führe es hier trotzdem in der quelloffenen Gruppe, sage dir aber offen, dass die Grenze an dieser Stelle unscharf ist.
Die Politik verkauft eine Modellfrage, die Realität ist eine Werkzeugfrage
Höre der Souveränitätsdebatte zu, und du hörst Modellnamen. Mistral hat im März 2026 laut TechCrunch 830 Millionen Dollar Fremdkapital für ein eigenes Rechenzentrum aufgenommen. EuroHPC hat bis Ende 2025 laut dem Joint Undertaking 13 AI Factories über 17 Länder ausgewählt. Die EU-Kommission hat mit der InvestAI-Initiative im Februar 2025 bis zu 200 Milliarden Euro in Aussicht gestellt. Souveränität wird als Frage nach dem großen europäischen Modell erzählt.
Nur nutzt kein Mittelständler ein Rechenzentrum. Er nutzt Werkzeuge. Und auf der Werkzeugebene entscheidet sich, ob Souveränität ein gelebter Zustand ist oder ein politisches Signal. Genau da wird die Zahl 34 zur These: Die politische Erzählung von Unabhängigkeit hat kaum ein Fundament in dem, was Anwender heute tatsächlich installieren könnten.
Denn die 34 souveränen Tools sind fast durchgängig Infrastruktur. Schau dir an, was da steht: vLLM und Qdrant als Inferenz-Server und Vektordatenbank, Haystack und Langfuse als Framework und Observability für LLM-Anwendungen, spaCy für Sprachverarbeitung, dazu Fachwerkzeuge wie QGIS für Geodaten oder KiCad fürs Platinen-Design. Das sind Bausteine für ein Entwicklerteam, keine Anwendungen für den Schreibtisch. Ein wirklich unabhängiger Stack setzt bei uns technisches Eigen-Hosting voraus. Es gibt in dieser Gruppe kein Tool, das eine Bürokraft morgens öffnet und ohne Server-Kenntnisse benutzt.
Der ehrliche Einwand: Reicht Open Source nicht auch ohne EU-Hosting?
Jetzt der stärkste Gegeneinwand, und er ist gut. Wer sagt denn, dass beide Bedingungen gleichzeitig gelten müssen? Wer ein quelloffenes Modell selbst hostet, entscheidet doch ohnehin selbst, wo es läuft. Das Hosting-Land im Verzeichnis beschreibt nur die typische Empfehlung, keine Zwangslage. Also müsste man doch alle 69 quelloffenen Tools als souverän zählen, nicht nur die 34.
Der Einwand hat einen wahren Kern. Bei selbst gehosteten Werkzeugen wie vLLM oder spaCy ist das Hosting-Land tatsächlich eine Frage davon, wo du selbst installierst. Trotzdem hält die Zahl dagegen. Von den 69 quelloffenen Tools sind 35 in unserem Bestand eben NICHT auf EU- oder Deutschland-Hosting ausgelegt, das ist mehr als die Hälfte. Ihre Standard-Referenz, ihre Doku, ihr empfohlener Betrieb zeigt woanders hin. Quelloffenheit allein garantiert also keinen Datenschutz. Sie garantiert nur, dass du theoretisch selbst hosten könntest, wenn du die Infrastruktur und das Personal dafür hast. Genau diese zwei Voraussetzungen fehlen dem typischen Mittelständler. Die Schnittmenge auf 34 zu verengen ist deshalb keine statistische Willkür, sondern die strenge, ehrliche Auslegung von Souveränität: quelloffen reicht nicht, es muss auch der voreingestellte Datenweg im Land bleiben.
Und dann bricht die Souveränität an der Sprache
Es gibt eine zweite Zahl, die den Werkzeugkasten noch schmaler macht. Von den 34 souveränen Tools bieten nur 14 deutschsprachigen Support. Die anderen 20 hosten zwar brav in der EU oder Deutschland, kommunizieren mit dir aber auf Englisch.
Das ist die stille Ironie dieser Gruppe. Ein Werkzeug kann datenschutzrechtlich einwandfrei in Frankfurt oder Amsterdam laufen und dich im Fehlerfall trotzdem auf ein englisches GitHub-Issue verweisen. Souveränität auf der Datenebene bedeutet nicht Souveränität im Alltag. Wer im Mittelstand keinen Entwickler mit fließendem Fachenglisch hat, für den schrumpft die relevante Menge von 34 auf 14. Das sind 0,8 Prozent des Verzeichnisses.
Was du mit den 34 tatsächlich anfangen kannst
Ich will die 34 nicht kleinreden. Sie sind selten, aber sie sind echt, und für die richtigen Fälle sind sie das Beste, was der Markt an gelebter Unabhängigkeit hergibt.
Wenn du eine Domäne kritisch genug findest, um sie souverän zu betreiben, dann ist der Stack vorhanden. Für eine interne Wissensdatenbank, die das Haus nicht verlässt, kombinierst du Haystack, Qdrant und vLLM auf eigener Hardware. Wie das in der Praxis aussieht, zeigt der Use Case Interne Wissensdatenbank mit KI. In der Verwaltung, wo Datenabfluss keine Kür, sondern ein K.-o.-Kriterium ist, trägt derselbe Baukasten den LLM-Verwaltungsassistenten. Und für Energieversorger, die ein fachspezifisches Modell ohne Cloud-Zwang wollen, ist der Weg im Use Case Domänen-LLM für Energieversorger beschrieben.
Diese drei Fälle haben eines gemeinsam. Sie brauchen ein technisches Team. Das ist keine Schwäche der Tools, das ist der Preis echter Souveränität. Wer sie ohne Eigen-Hosting will, will sie in Wahrheit gar nicht.
Die eigentliche Rechnung
Die Politik wird in den nächsten Monaten weiter über Souveränität reden. Der EU AI Act greift ab August 2026, der Digital Omnibus kommt, das nächste Mistral-Modell wird angekündigt. Das ist gut, und es ist mehr als vor fünf Jahren.
Aber Souveränität ist kein Manifest, sie ist eine Bestandsliste. Und diese Liste ist heute 34 Einträge lang, technisch, und in weniger als der Hälfte der Fälle auf Deutsch bedienbar. Solange das so bleibt, ist “wir werden souverän” ein Satz über die Zukunft, kein Zustand der Gegenwart. Die Lücke zwischen der Rhetorik und diesen 34 Werkzeugen ist die eigentliche europäische KI-Baustelle. Nicht das Modell fehlt. Es fehlt das Bürowerkzeug, das quelloffen, EU-gehostet und auf Deutsch bedienbar zugleich ist. Wer das baut, macht Souveränität zum ersten Mal für Anwender greifbar, nicht nur für Rechenzentren.